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APSET – Sprayer, Maler und Visueller Künstler

[Article in English @ Vagabundler: Sprayer APSET – Visual Artist and Mighty Murals]

Thessaloniki ist ein wahres Streetart und Graffiti-Paradies. Die Straßen, Wände und Häuser sind über und über gepflastert mit Schriften, Formen und Farbe. Darunter ist natürlich viel Geschmiere und hässliches Zeug, aber eben auch sehr viele hochwertige Werke. Und zwischendrin ragen immer wieder die riesigen und unglaublich guten Murals an den Fassaden von ganzen Wohnblocks über die Dächer. Einer der Erschaffer dieser umfangreichen City-Monumente ist Stelios, besser bekannt unter seinem Künstlernamen APSET. Wir trafen den Kreativling zu einem Interview.

Unser Gespräch fand im Colors Hotel in der Tzimski Street 13 statt, in dem APSET die Garden Bar im Erdgeschoss und diverse Räume künstlerisch gestaltet hat. APSET ist 1984 geboren und ist seit 1998 in der Kunstszene aktiv. Zunächst ging es um Sprayen und Taggen in den Gassen, jeder fängt mal klein an. Mit der Zeit ist aber aus einer taggenden Freundesclique eine stabile Streetart Crew geworden, das Können hat sich weiter entwickelt, die Styles wurden ausgebaut und die Ergebnisse qualitativ immer besser. Aus linearen Schriftzügen wurden gefüllte Buchstaben, Wörter und Bombings. Schließlich kamen immer mehr graphische Elemente hinzu, Characters, Gesichter und Figuren. Das Wandbild wurde zu einer kompletten Szenerie ausgebaut und über die Jahre steigerte sich auch die Größe immens. Ganz nach dem Motto: Je größer das Bild, desto größer wird die Kunst, die Crew und der Artist.

Der Kreativität und Inspiration von APSET sind keine Grenzen gesetzt, ständig ist er dabei sich neu zu entwickeln und wird auch in keiner Sparte sesshaft. Vielmehr bastelt er ununterbrochen an sich und an der Kunstmaschine, erlernt durchgehend neue Techniken, probiert sich unentwegt aus und verleiht seinem Schaffen ein stetiges Wachstum an Kompetenz. An der School of Fine Arts an der Aristoteles Universität in Thessaloniki hat er Grafikdesign studiert, Comic-Zeichnen und visuelle Kunst. APSET hat über viele Jahre aktiv am Stadtbild von Thessaloniki mitgearbeitet, verschönert und umgestaltet. Der Allaround-Künstler wirkte auch als Bildhauer, erschuf Skulpturen und entwarf Design-Konzepte für Freizeitparks in ganz Griechenland.

Aktuell ist APSET als unabhängiger Künstler tätig und bedient ein umfangreiches Sortiment an Feldern. Er führt regelmäßig Ausstellungen in einem seiner beiden Studios in und um Thessaloniki durch und ist vielseitig mit Auftragsarbeiten im privaten, aber vor allem auch im öffentlichen Sektor beschäftigt. Hierzu gehören Dekorierungen von Hotels und Geschäften, Illustrationen an Ladenfronten und künstlerische Umgestaltungen des Interieurs von Büros und Unternehmen.

APSET kann mittlerweile von seiner Arbeit leben. Dies gelingt ihm aber durch die vielfältige Abdeckung an verschiedensten Betätigungsfelder und der durchgehenden Weiterbildung und Weiterentwicklung. Dennoch sind im die liebsten Tätigkeiten das Malen im Freien an den großen Wänden und das Erstellen der Mega-Murals, die in Griechenland ganze Plattenbauten und Fabrikkomplexe bedecken und wunderbar verschönern. Einige Hochhäuser sind bereits für die nächsten Monate gebucht. APSET ist außerdem Mitglied beim SAF, dem Street Art Festival Thessaloniki. 

Im Interview erzählt uns APSET von seiner künstlerischen Laufbahn, von der Streetart Szene in Thessaloniki und welche Projekte in Zukunft noch anstehen. Im Folgenden ist der Großteil des Interviews verschriftlicht und ins Deutsche übersetzt.

Wann hast du mit deiner Kunst angefangen?

Angefangen hab ich 1998, vor mehr als 20 Jahren. Aber ich mache dies nun schon mehr als die Hälfte meines Lebens. Ich mache Graffiti und begann mit Street Bombing und Street Art oder Tagging und sowas. Ich habe mit kleinen Dingen angefangen. Wir waren wie eine Crew hier in Thessaloniki um das Zentrum herum und wir waren überall. Wie sind herumlaufen und haben Tags gemacht. Ich hing mit den Freunden herum und wir fingen an, überall auf der Straße das Tagging zu machen. Wir haben versucht, unsere Namen an jedem Ort in Thessaloniki zu haben. Und dann wurde es größer und größer und dann kamen verschiedene Stile, wie Graffiti-Stile und Schriftzüge. Und der Schriftzug wurde größer und größer. Und je größer wir wurden, desto größer wurden auch unsere Graffitis. Jetzt machen wir Wandbilder und bemalen große Gebäude.

Inzwischen studierst du auch Kunst an der Universität von Thessaloniki. Du hast damit begonnen, dein Graffiti-Stil weiter zu entwickeln und zu ergänzen. Wann hast du angefangen und warum?

Ich fing an, mehr künstlerisches Material hinzuzufügen. Ich wollte damals viele Dinge tun, für die ich aber noch zu jung war. Also fing ich mit Graffiti an und das ist für mich wie Freiheit. Als ich älter wurde, wurde der Stil mehr zu einem 3D-Stil, einem 3D-Schriftzug. Also wollte ich mehr mit Schatten arbeiten, mit Licht und ähnlichem. Es war wirklich interessant für mich, mich mit meiner Kunst zu beschäftigen. Also habe ich immer mehr 3D gemacht und sowas. Und die Charaktere und Gesichter wurden für mich allgemeiner. Und ich habe versucht, verschiedene Dinge zu machen und mich und meine Stile auszudrücken. Also auch, dass mehr Menschen meine Kunst so verstehen können, wie ich sie ausdrücken möchte. Dann war ich 2005 im Grafikdesign. Das war dann eine andere Sache. Ich habe die Beschriftung und die Charaktere gemacht, aber alles dann irgendwie gemischt. Und dann hatte ich die Grafik. Es entwickelte sich also und die Jahre vergingen. Mir wurde klar, dass die Charaktere für mich ein fester Bestandteil sind. Also das, was ich male, die Mädchen, die Gesichter, die Bewegungen und wichtig sind mir auch die Reaktionen aus dem Umfeld. Es gab viele Leute, die mich angesprochen und mit mir geredet haben, deshalb habe ich mich für den Comic entschieden. Ich habe ein paar Comics gemacht, nur um in meinem Charakterstil besser zu sein. Und dann sagte mir der Comic-Lehrer, ich solle zu den Prüfungen gehen. Also habe ich es einmal gemacht, ich bin zu den Prüfungen gegangen. Und dann wieder und wieder. Aber das ist wie ein Spiel, ein nie endendes Spiel.

Es ist also immer etwas Neues, du fügst immer einige weitere Teile hinzu.

Ja, ja. Und als ich größer wurde, fügte ich das und das hinzu. Und das ist die Kunst. Und dann musst du etwas bewegen, zurück zum Anfang gehen und Kunst machen und dann wieder. Aber die Sache ist, ich möchte nicht in nur einem Stil für mich festgehalten werden.

Du möchtest dich also immer wieder neu erfinden, etwas Neues tun und nicht zu lange am selben Stil bleiben.

Ja, das ist meine Freiheit in der Kunst.

Wie war es für dich, die riesigen Wandbilder zu machen? Ich meine diese Größe, es ist schon eine völlig andere Sache.

Ja. Das eine war, wir dachten, je größer wir malen, desto größer werden wir. Es ist aber ganz anders. Du kannst dabei nicht einfach einen Schritt zurücktreten und überprüfen, was du gemalt hast. Du bist ganz oben und musst erst die Treppe hinuntergehen, etwa eine halbe Stunde oder aus dem 10. Stock eines Gebäudes, und dann auf die Straße gehen. Dort kannst du dann überprüfen, wie es aussieht und was zu tun ist, und dann wieder zurückkehren. Man muss sich also darauf vorbereiten. Ich achte darauf, dass ich gut vorbereitet bin, bevor ich zur Arbeit gehe. Ich habe eine sehr gute Skizze, ich organisiere meine Farben, ich organisiere alles. Es muss so vorbereitet sein, um praktisch zu sein, wenn ich am Gebäude oder in der hydraulischen Rampe bin. Das erste Mal dachte ich: „Oh nein, das ist viel zu groß! Wie soll ich das denn machen? “Aber es war eben eine Erfahrung. Und mit mehr und Erfahrung und Erfahrung, wurden die Bilder größer und größer und größer. Und so ist es gelaufen. Wir haben das größte Wandgemälde in Griechenland in Pirias gemacht, es ist etwa 15 Meter hoch. Das war ein großer Schritt. Es war riesig und endete nie. Aber ich hatte dort die ganze Freiheit. Es wurde in die Hand genommen, um sich wie in einer anderen Reflexion auszudrücken, um die gesamte Skizze und alles zu überprüfen. Es ist nur etwas anderes.

Wie haben sich die Graffiti in den folgenden Jahren in Thessaloniki entwickelt? Verstehen die Menschen die Wandbilder ein bisschen besser und schätzen sie oder wenn es dann mehr ist oder nicht, oder wie ist es?

In den späten 90ern war ich im Zentrum von Thessaloniki und hatte sogar eine legale Mauer. Um 1998 oder so. Wir hatten also diese legale Wand, an der wir malten. Und neun von zehn Passanten riefen aber dennoch die Polizei an. Obwohl es legal war. Sie konnten nicht verstehen, was wir taten. Sie dachten, wir würden die Stadt bemalen und zerstören. Aber dort war es erlaubt. Aber es war frisch und neu für die Anwohner. Wir haben im Laufe der Jahre viel versucht, die Menschen mit dieser Idee zu erreichen. Es hat uns auch sehr geholfen und wir unterhielten uns mit den Passanten. Reaktionen kamen hauptsächlich von  den Älteren und den Jungen. Weil die Kinder so waren: „Wow, da ist Graffiti!“ Und die Älteren waren wie: „Hey, was machst du da?“ auch wenn es legal war. Jetzt hat sich das geändert, und sogar zwei sagen: „Ah, ich mag diesen Teil, und vielleicht könnte man das besser so machen.“ In gewisser Weise ist das viel häufiger. Weil es jetzt auch Ablenkung ist, weil die Stadt mit Taggings und  Schriftzügen und solchen Sachen komplett voll ist. Alles ist vollgeschrieben.  Wenn die Leute etwas an der Hauswand haben, dann müssen sie diese reinigen und können das Hingemalte nicht verstehen oder es lesen. Wir sind mittlerweile ganz gut in der Vermittlung und der Kommunikation geworden und die besseren Kunstwerke wie Wandbilder und Murals werden auch viel besser angenommen.

An vielen Läden oder an den Toren von Geschäften hab ich Auftragsarbeiten gesehen. Das Ganze sieht so viel schöner aus und wenn die Fassade mit einem coolen Kunstwerk bemalt wird, dann fängt eher weniger jemand an, etwas anderes drauf zu malen oder zu taggen.

Ja, ich hatte letztes Jahr zehn Arbeiten nur für Ladenfassaden. Die Kunden sagten „Ja, die Wand ist  leer und ich möchte nicht, dass sie vollgeschmiert wird. Kannst du kommen und etwas darauf malen?“ Aber in Griechenland wird nicht ausreichend Honorar gezahlt. Es ist ja nicht so, als hätten wir eine Krise. Ja. Aber ich kann auch keine schlechte Farbe nehmen, man braucht gute Materialien. Es ist also für viele Leute ziemlich teuer. Aber es gibt auch viele Leute, die Kunst und Graffiti und Streetart wirklich mögen und dem wirklich freundlich begegnen. So kann man das Ganze an die Häuser bringen, an die Geschäfte und an die Wände. Wir machen hier heutzutage sehr viel gemeinsam.

Kannst du von deiner Kunst leben? Verdienst du genug, um zu sagen, das ist ein vollständiger Job?

In Griechenland ist das schwierig. Es ist sehr schwierig. Bei einigen Künstlern funktioniert es, manche wie ich. Ich bin sehr froh, dass ich einer von denen bin. Ich arbeite mit meiner Kunst. Aber  ich muss ständig verschiedene Dinge tun. Ich muss Wandbilder und Leinwände malen, Ausstellungen organisieren oder Innenräume von Hotels dekorieren. Das Projekt hier im Colors Hotel war sehr gut, weil Christina Drakopoulou mir viel Freiheit gelassen hat. Ich konnte tun, was ich wollte. Im Graffiti-Raum und auch in den anderen. Sie sagte, ich mag deine Arbeit und du kannst alles tun, was du willst, und zu den Themen, die dich inspirieren. Aber normalerweise ist es sehr schwer, davon zu leben, weil man oft als Bauarbeiter-Maler gesehen wird. Wie jemand, der die Wände verputzt und bemalt. Es ist sehr schwierig, davon zu leben, weil es nicht richtig bezahlt werden kann. Aber wenn man ein Arbeiter ist, dann möchte man arbeiten und wenn man gut ist und dran bleibt, dann hat man vielleicht einen Erfolg und bekommt etwas und so macht man dann weiter. Ich arbeite viel draußen und bin in ganz Europa unterwegs, hier studiere ich auch an der Fine Art University. Dort mache ich Grafiken. Aber eigentlich mache ich alles, viele verschiedene Dinge.

Wenn du als Künstler unabhängig und selbständig sein willst, dann musst du auch dein eigener Manager sein. Man muss sich sein  Netzwerke aufbauen, sich um die sozialen Medien kümmern, selbst für Werbung sorgen, flexibel sein und eben auch all das machen, was keine Kunst ist.

Ja, für mich ist es das Beste, einen Manager zu haben, der mir sagt, machen dies so, geh dort und dort hin und das ist deine Aufgabe. Ich hatte einen Manager oder besser gesagt ich hatte mehrere Manager über die Zeit. Aber niemand anderes kann dich wirklich rausbringen oder dein Bild vermitteln. Also bei den größeren Sachen. Du musst dein eigener Manager sein, weil du weißt dann beispielsweise, wie du das Bild für Instagram aufnehmen musst. Oder wie du über deine Kunst reden kannst. Niemand weiß es besser, denn es ist dein Schaffen, es ist dein Ding. Ich hatte es aber am liebsten, wenn ich nur Künstler sein konnte. Nur mit dem Auftrag irgendwo etwas zu malen. Ich bekomme dies mitgeteilt, dann gehe ich dorthin und male was auch immer. Das Beste für mich ist also, nur Künstler zu sein. Kein Manager, kein Blogger, nichts anderes sonst. Aber du musst nun mal alles tun. Du musst kommunikativ sein. Du musst künstlerisch sein. Du musst überall sein. Du musst mit dem Kunden sprechen. Du musst mit den Leuten reden. Du musst0 mit der Großmutter sprechen, die in das Gebäude kommt. Und du musst den Leuten erklären, wie du über die Wandbilder und Murals denkst. Diese Gespräche sind wichtig, um ein Gefühl für Graffiti und Streetart generell zu vermitteln.

Diese ganzen Arbeiten und Aufgaben nehmen in deinem Job schon einige Zeit in Anspruch, aber denkst du, dass dir das auch in deiner künstlerischen Entwicklung geholfen hat?

Am Ende des Tages denke ich, dass es einen positiven Effekt hat. Weil man sich an sich selbst gewöhnt. Man wird kommunikativer. Man soll und muss ja auch aktiver sein. Deshalb arbeite ich auch im Studio. Wenn man nur mit sich selbst sein will, kann ich dort etwas Zeit verbringen. Ich kann mich in Ruhe zurückziehen, in mich gehen und mich auf meine künstlerische Seele besinnen. Wir haben ein Studio dafür, dort hab ich Leinwände. Ich organisisere auch Ausstellungen, vor allem wenn ich meine Examen habe. Also gehe ich beim Malen mit mir in meine Seele hinein. Und sonst nichts. Und wenn ich will, dann kann ich dieses Gefühl nach draußen mitnehmen. Ich mache das für mich.

Du hast also eine Galerie oder ein Atelier? Arbeitest du dort auch mit anderen Künstlern?

Ich habe ein Atelier in meinem Heimatdorf außerhalb von Thessaloniki in Basilika und ich habe ein Atelier an der University of Fine Arts. Ich arbeite dort mit anderen Künstlern im Raum, habe aber einen eigenen Platz. Und dort hab ich aber auch ein größeres Werkstatt-Zimmer, dort arbeite ich hauptsächlich seit den sieben Jahren meiner Indoor-Aktivitäten an der Uni.

Wie sieht es in der Zukunft aus, steht was an, gibt es ein neues Projekt?

Ich habe einige Festivals im Ausland geplant. Da warte ich auf ein paar Antworten. Und jetzt habe ich für diesen Monat erst mal nichts Neues gestartet, denn am Ende des Monats starten die Prüfungen meines Diploms. Ich muss alle Skizzen und Leinwände fertiggestellt haben und sowas. Aber die Sonne scheint, der Frühling beginnt. Ich habe auch einige Gebäude für Wandbilder gebucht. Deshalb werde ich mich nach dem Abschluss darauf konzentrieren. Und was ich noch tun werde: Ich möchte meine Kunst auch nach Athen bringen. Also werde ich den Abschluss machen und dann werde ich in Athen auch eine Ausstellung veranstalten.

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>>> FOTO CREDITS BY APSET

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