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Produktivität: Wer mehr chillt, hat mehr Erfolg

Am Mittwochabend saß ich hier in der Kreuzberg-WG mit einem Haufen Leuten, und einige (ist gelogen: alle) hatten Drinks im Kopf und das Wort lose auf der Zunge.

„Ich finde das beneidenswert, wenn Leute so viele Sachen auf die Reihe kriegen“, sehnsuchtelte Katha. „Wie mein Bruder mit seiner Uhrenfirma, die er nebenher noch aufbaut, ich bewundere das total. Ich würde das auch gerne können, aber ich komme halt nicht dazu. Dann kehrt man abends vom Arbeiten heim und ist total müde…“

… und dann das Wochenende und die Freunde und das Wetter, jajaja…. Bei diesen Aussagen wie „ich würde gerne, aber“ geht mein Ausreden-Alarm an. So auch an diesem Abend, und das musste ich wie immer ausdrücken: „Wenn du nicht gerade sieben Kinder, eine 80-Stundenwoche und eine altersschwache, pflegebedürftige Milchkuh zuhause hast, sind das Ausreden. Verschwende deine Zeit nicht“, meinte ich zu Katha. „Fang jetzt an, der richtige Zeitpunkt kommt nie, nur eine halbe Stunde pro Tag, loooooos!“

Ich merke dann immer, dass mein Drill klingen könnte, als zählten für mich nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. So wie das die Selbstoptimierer zu predigen scheinen. Dieser Trend könnte so verstanden werden, dass wir noch besser funktionieren und makellos durchs Leben hechten müssen. Von dieser Einstellung bin ich aber weit entfernt. Nicht Arbeit und Erfolg zählt, sondern Glücklichsein.

Die Berliner sind ja die Chiller des Grauens. In Frankfurt, hast du das Gefühl, geht’s vergleichsweise übertrieben um Arbeiten und Erfolg und Hetzen und Vorankommen. Aber hier (also in Berlin) wird unter der Woche zwar gearbeitet – oder auch nicht – aber spätestens abends und am Wochenende steht Chillen auf dem Kalender. Beziehungsweise Feiern.

Dein Gehirn ist ein Wunder, es kann aber nicht alles

Ich bekomme den Vergleich gut in die Fresse bei meinem Wechsel zwischen Berlin und Frankfurt. Beides hat seine Vorteile. Beide Seiten wünschen sich mehr von der anderen. Aber was ist denn jetzt besser?

Mehr als 50 Stunden Arbeit pro Woche bedeuten den Absturz der Produktivität. Die Erkenntnis kommt von einer Studie, die dieses Jahr die Runde gemacht und die Frage „wie viel ist zu viel?“ wieder ordentlich aufgebracht hat. „Arbeits-Märtyrer“ werden die überarbeiteten Menschen wohl genannt. Hübsch, oder?

Laut dem Pew Research Center liegt die Mehrarbeit zum Teil am bösen Internet. Das Netz hat aber noch eine Wirkung: Es verkürzt unsere Konzentrationsfähigkeit dramatisch (siehe auch Spiegel, Nr. 11 / 7.3.2015, Titel: Konzentrier dich!). Mache Psychologen nennen das Attention Deficit Trait (ADT). Adderal und andere Aufmerkamkeits-Pillchen liegen im Trend als das Doping unserer Zeit.

Dein kleines niedliches Gehirn ist so ein Wunderwerk, unglaublich. Es wird zugeballert von der Reize-M16 und sortiert die Patronenkugeln fein aus für dich. Aber auch dein Köpfchen hat keine endlose Kapazität. Ein Teil des Gehirns kümmert sich um so hochtrabende menschliche Aktivitäten wie Entscheidungen treffen, Zeitmanagement, Organisation und Planung. Das schreibt es der Psychologe Edward Hallowell für den Harvard Business Review.

Ein anderer Teil widmet sich einer primitivere Mission: dem Überleben. Es steuert Sachen wie Hunger, Müde, Pipi, Kalt. Sex, Atmen. Gulp. Am Ende sind wir ja doch nur Fruchtfliegen.

Wenn du gerade super arbeitest, belohnt dich die primitivere Gehirnregion mit Aufregung, Befriedigung, Freude. Sie ist aber auch für etwas anderes ganz Essentielles zuständig: Angst. Und Angst und Stress sind heutzutage praktisch dasselbe.

Alarm, Alarm, hier geht’s ums Überleben!

Stress kommt auf, wenn du gerade mal wieder versuchst, mehrere Bälle in der Luft zu halten, tausend E-Mails, Anfragen, Informationen und Entscheidungen. Der primitivere Teil deines Gehirns übernimmt sozusagen die Kontrolle über den rationalen Teil. Dein Köpfchen geht in den Überlebensmodus, Ungeduld, Wut, kurzfristige Denke und impulsive Entscheidungen sind die Folge. Schließlich geht’s hier ums Überleben, meep, meep, meep!

Das geht auf Kosten der Produktivität, der langfristigen Denke natürlich, aber auch der Kreativität, des Humors, der Freude an der Sache.

Busy ist geil, Pausen sind für Hängis

Wer nicht mithetzt und länger am Arbeitsplatz ackert als die anderen, ist schwach. „Hach, ich bin soooo im Stress.“ Dieser Satz steht für die Tugend der Neuzeit. Der Klassiker ist dann, dass du den ganzen Tag am Rennen bist, und dich abends fragst, was du die ganze Zeit gemacht hast. Interessanterweise hast du dein Burnout später nicht mal wegen deines eigenen Projekts, sondern das irgendwelcher Chefs oder Kunden. Gut gemacht!

Leider denken aber auch viele Leute von sich selbst, wenn sie sich durch ihre Tasks drücken, seien sie am effektivsten. Du kennst diese Illustration „The Creative Process“, bei dem der Kreativling so lange prokrastiniert, bis Panik aufkommt. „Um produktiv zu sein, muss ich unter Druck stehen.“ Das sagen viele. Ein fataler Fehler. Denn dieser Druck kommt von außen. Und das bedeutet, dass du nur produktiv bist, wenn du Dinge für andere tun musst. Außerdem brennt es dein Hirn aus und du verlierst die Lust am Arbeiten und die Kontrolle.

creative process

Erfolgreich sind die Ausdauernden

Auf lage Sicht erfolgreich sind nur die, die sich unter Kontrolle haben, sofern es möglich ist. Die geduldig sind, ihre Grenzen kennen und über weiter Strecken dran bleiben an ihrem Ziel. Stetigkeit und Ausdauer ist viel wichtiger als Talent. Aber das ist halt die große Kunst – und hängt viel von äußeren Umständen ab. Die sich zum Glück anpassen lassen.

Keine Panik: So machst du es dir leichter, konzentriert und fokussiert zu bleiben.

Erst Power, dann Pause

Waaas, alle 50 Minuten eine Pause machen? Klingt nach Slacking deluxe. Der Ansatz von vielen Pausen pro Tag macht immer wieder die Runde und lässt Köpfe schütteln. So zum Beispiel das Experiment, das mit der App „Desk Time“ gemacht wurde und auf die Formel 52 Minuten Arbeit, 17 Minuten Pause kam.

Da gibt es verschiedene Ansätze, aber generell lässt sich sagen, dass viele Pausen deinem Köpfchen dabei helfen, dass es konzentriert dran bleibt, nicht ausbrennt oder doch noch irgendeinen Abturn bekommt.

Generell kommt es wohl nicht auf die Menge der Arbeit und Pausen an, sondern auf die Intensität. Es ist eben tricky, wenn man im Powermodus ist, nicht zu überpowern. Der Wechsel ist wichtig.

Damit du die Pause bewusst als Pause wahrnimmst, musst du sie dir vornehmen. Es hilft nichts, wenn du während der Arbeitszeit plötzlich aus Versehen auf dem Katzenvideo-Account festhängst, das innerlich als Arbeit abbuchst und auch ein schlechtes Gewissen kriegst, weil du nix gemacht hast. Das führt wieder zur Panik und nicht selten in die Nachtstunden hinein.

Arsch ruhig halten

Katha macht mich manchmal wahnsinnig mit ihren nervösen Gewusel. Das Glas spülen, die Hose zuppeln, dann gibt’s noch das zu tun, hin und her, das Handy, der Stuhl… und das in der Freizeit! Kein Wunder, dass sie abends nach einem Arbeitstag ausgebrannt ist. Natürlich passieren dann auch Fehler. Und zwar allen, allen, allen passieren mehr Fehler, wen sie Maschinen sind.

Auch wenn es schwer fällt, geh die deine Arbeit langsam und ruhig an. Hetzen bedeutet, dass du die Kontrolle abgibst und automatisiert handelst. Und du willst kein rennender wahnsinniger Roboter sein, oder?

Wenn du merkst, du hetzt, sag dir: Ruuuhig, Brauner. Du kannst dir auch eine Timer stellen, der dich jede Stunde mal daran erinnert runterzufahren.

Zwischendurch mal Vogelperspektive

Ich sag immer wieder, dass du dir einen (lockeren) Plan von deinem Tag und deinen Aufgaben machen sollst. Das ist auch deswegen gut, weil das dem cooleren Teil deines Gehirns dabei hilft, in Charge zu bleiben. Setze dir auch in der Hetze feste Zeiten, um einen Schritt zurückzutreten und nachzudenken. Mal durchzuatmen und zu schauen, was bisher war und was noch muss. Damit erlaubst du deinem Gehirn, wieder die Kontrolle über die Situation zu nehmen.

Hänge dich nicht an untergeordneten Aufgaben auf wie E-Mail fest. Erledige das Wichtigste und Forderndste dann, wenn du am besten konzentriert bist. Bei mir ist das morgens.

Du kannst auch zwischendurch mal etwas machen, um runterzukommen, wie dich auf den Atem zu konzentrieren. Ein Rätsel lösen. Oder eine Rechenaufgabe. Oder irgendetwas anderes machen, was nichts mit deiner Arbeit zu tun hat, aber dein Gehirn auf „ruhig und rational“ schaltet.

Schlaf, Essen, Bewegung

Viele Leute denken, weniger Schlaf würde mehr Raum für Arbeit lassen. Es ist genau umgekehrt. Ausreichend Schlaf, gute Ernährung und Sport sind die wichtigsten Power-Geber für dein Gehirn.

Auch eine glucose- und kohlenhydratarme ist gut, denn das Zuckerzeug feuert dein Hirn kurzzeitig an, lässt es danach aber umso mehr abstürzen. Versuche z.B. Weizenmehl wie Pasta oder Weißbrot zu vermeiden. Stattdessen lieber Eiweiß und ordentliche Kohlenhydrate die im Vollkorn und Gemüse stecken.

Und natürlich Bewegung, Bewegung, Bewegung. Dein Hirnchen möchte schließlich ordentlich durchblutet sein fürs Denken. Und glücklicher wird es dadurch auch mit den Glückshormönchen, die dann aufkommen. Du kannst einfach mal einen kleinen Spaziergang an der Luft machen. Oder wirklich mal so ein paar Streckübungen am Schreibtisch, das klingt bescheuert, aber soll den Kopf schon pushen. Oder eben was, was dich ablenkt, Blödsinn machen.

Spaß statt Druck

Fünf Minuten nach meinem Thema mit Katha das nächste gin-selige Gespräch. Rini erlebt es gerade anders, sie kann gar nicht mehr arbeiten. Sie hat keinen Drive mehr. Was ist eigentlich los, haben wir gerade den Arbeit-Nervt-Monat?

Auch hier ist der Druck, den du dir selbst machst oder von anderen machen lässt, das Problem. Irgendwann will dein Unterbewusstsein nicht mehr. Es ist wie ein wildes Tier, das im Angstzustand entweder in die Flucht- oder Angriffsposition geht. Das passiert, wenn es merkt, es wird nicht mehr gehört. Weil du auf andere Dinge gehört hast. Du lebst aber nicht für andere, sondern für dich.

Das mit dem Spaß klingt logisch, wird aber vergessen. Spaß am Arbeiten bedeutet, dass du nicht nur zum Ziel hetzt oder Anweisungen entgegen nimmst, sondern aufmerksam und im Moment bleibst und dich konzentrierst. Schließlich ist es ja auch schön, Texte zu schreiben, mit Kollegen zu diskutieren, neue Dinge für die Uni zu lernen.

Die Freude am Tun kann zurückkommen, wenn du die oberen Punkte beachtest. Jetzt anfängst, auf deinen Drive zu hören. Den hat nämlich jeder.

Foto: Florencia Petra bei C-Heads

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