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Romantic is dead. Long live romantic.

Ich hab keine Ahnung von Beziehungen. Du? Was weiß ich, was richtig und was falsch ist.

Ach, du hast auch keine Ahnung, na dann sind wir zwei. Ich beobachte, dass die Beziehung generell in der Generation Y ein großes Thema ist. Dass viele sie suchen, aber nicht mehr Ahnung davon haben als du und ich. Denn auch wenn nicht gerade eine Trennungswelle durch den Freundeskreis fährt, irgendwas ist immer.

Es scheint eine Epidemie zu sein. Artikel en masse lamentieren darüber, wie unfähig junge Menschen sind, sich aufeinander einzulassen. Nach einer Studie an der Universität von Michigan soll die menschliche Fähigkeit (oder Bereitschaft) zur Empathie innerhalb der letzten zehn Jahre zurückgegangen sein. Stattdessen seien Narzissmus und Egozentrik gestiegen. Keine gute Voraussetzung für die Beziehung.

Viel einfacher lässt sich casual Sex finden. Nicht umsonst gehen Begriffe wie Hookup Culture – Abschlepp-Kultur – und Mingle mit unseren Generationen einher. Noch eine Studie vom National Marriage Projekt mit der University of Virginia sagt, junge Menschen wollen heiraten – irgendwann einmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Bis dahin machen sie Party und „huren rum“, wie es auch jüngere Freunden über sich selbst sagen.

Sicher ist besser, Gefühle auf mute

Ist das nicht clever? Wieso das Pferd kaufen, wenn ich es umsonst reiten und dann wieder im Stall abstellen kann? Wenn er es drauf anlegt, muss der Großstädter nur ausgehen. In die Bar downtown, in den Club, ein paar Drinks, ein paar Lines, ein paar Blicke. Ruckzuck hat er einen Bettpartner für die Nacht gefunden, alles cool und heiß, ohne gesellschaftliches Urteil oder Verpflichtungen.

Gefühle auf mute. Man will nicht armselig bedürftig rüberkommen. Man ist ja nicht auf der Suche, sondern total locker. So feiern auch Filme, Lyrics, TV Shows, Blogs und Partymottos das Konsumieren von Menschen. Oft tauschen die Süßen nach ihrer Nacht keine Telefonnummern aus. Die Praxis finde ich voll okay, aber was weiß ich schon?

Weniger okay soll die Theorie sein: Die American Psychological Association hat in 2012 das Buch Sexual Hookup Culture: A Review publiziert. Es stellt fest, dass der legere sexuelle Zusammenstoß unter jungen Erwachsenen wächst und gedeiht. Laut Besprechungen sagen die Autoren, dass es der Generation schwerfällt, Sehnsüchte und Gefühle auszudrücken. Ein Problem, das eigentlich schon jede tiefere Beziehung im Keim erstickt. Auch Zuhören fällt vielen schwer, sie können nicht ernst nehmen, was der andere sagt. Und dann kann es irgendwann zu spät sein.

In einer Umfrage in dem Buch mit 507 Studenten erwarten nur 4,4 Prozent der männlichen und 8,2 Prozent der weiblichen Teilnehmer, dass eine romantische Beziehung aus einer Abschleppsituation entstehen kann. Die Umfrage zeigt gleichzeitig, dass 29 Prozent der Männer und 42,9 Prozent der Frauen sich eine romantische Beziehung wünschen. Man sehe die Diskrepanz zwischen dem Wunsch und Strategie.

„Wir kennen uns nicht, wir haben doch nur miteinander geschlafen.“

Der Morgen nach dem Absturz im Rausch belohnt die Ausschweifungen mit einem Killer-Hangover. Aber der kommt nur von den Schnäpsen um acht Uhr morgens im halbleeren Club und dem chemischen Absturz, oder? Doch nicht von der Leere nach einem Onenighter. Was soll schon das Problem sein auf dem Walk of Shame, dem Weg nach Nachhause nach dem kurzen Abenteuer?

Können wir uns nicht für eine Nacht nehmen, was wir wollen, ohne schlechtes Gewissen danach? Manche können das bestimmt. Die selektiv ausgestellten Gefühle können aber den Eindruck einer Leere hinterlassen. Das soll aus dem Buch The End of Sex: How Hookup Culture Is Leaving a Generation Unhappy, Sexually Unfulfilled and Confused about Intimacy, von Donna Freitas resultieren.

Und dann wäre da noch die ganze Sache mit dem Online-Dating und dem Flirten über Social Media. Keine Frage, ich finde das lustig und bin froh, dass wir uns dafür nicht mehr schämen müssen. Die ganzen Apps und Portale wie Tinder und Ok Cupid gehören ja wohl zum guten Ton.

Aber sei dir im klaren darüber, dass es auch nur ein Weg ist, der die Sache nicht gerade einfacher macht, da er mannshohe (und fraushohe) Erwartungen schürt. Die Mitglieder der Portale wissen, von sich Werbung zu machen, und versprechen tolle Rollen. Obendrein führt der endlose Zugang zu pornösen Kanälen zu einer verzerrten Vorstellung von Sexualaktivitäten und Körpern, finden auch Sexperten. Eine Studie an der University of Missouri zeigt sogar: Facebook kann Beziehungen schaden. Willkommen in der Generation Y.

Romantisches Dating, was war das nochmal?

Unglücklich mit der Verbreitung vom legeren Sex scheinen sich vor allem jene zu fühlen, die sich eigentlich eine Beziehung wünschen, wie Freitas’ Buch feststellt. Junge Erwachsene sollen nicht das Werkzeug in die Hand bekommen haben, um das zusammenzubauen, wonach sie sich sehnen. Freitags proklamiert daher traditionelles Dating.

Das Kennenlernen vor dem Sex, Essengehen, Kerzen, Musik, Konzert, Quatschen und Flirten, scheint ausgestorben. Aber es ist auch nicht so einfach. Allein durch (zum Glück!) verschwommene Rollen zwischen Männlein und Weiblein fühlt sich traditionelles Dating unangebracht an. Wer soll oder darf den ersten Schritt machen? Und lachen wir den anderen aus, wenn er ein romantisches Date ausruft?

Das andere Extrem ist ein dämliches kommentarloses Emoticon per Handy oder ein „Hi, sehen wir uns?“. Mit dem Smartphone scheint es viel einfacher zu sein, nicht nur den ersten Schritt zu machen, sondern direkt den Sprung zum Ziel. Aber da weiß ich als Empfänger wenigstens bescheid, das soll Sex per Bestellknopf sein. Selbstbedienungsladen mal anders.

Solange wir nicht wissen, was wir wollen, wissen wir nicht, was wir tun.

Und da sind wir wieder bei dem Problem, was alle ansprechen: Die jungen Generationen können nicht ordentlich oder persönlich artikulieren, was sie sich wünschen. Aber, dumme Frage: Wissen wir überhaupt, was wir wollen?

Wir haben nicht mal eine Ahnung, wie wir unser Leben gestalten wollen. Karriere, Wohnort, Freunde, Reisen, Hobbys, Geldfragen – alles wird sich tausendmal ändern. Wie können wir dann ahnen, ob und wie wir uns für eine richtige Beziehung eingehen wollen? Und müssen wir überhaupt heute wissen, was in 20 Jahren ist?

Ich hab ja keine Ahnung. Du? Aber ich finde, jeder kann gefälligst machen, was gut für ihn ist. Und für jeden ist was anderes gut. Erstmal steht also an, dass wir uns selbst und unsere Sehnsüchte kennenlernen. Erst wenn es so weit ist, können und müssen wir uns für sie mit allem Einsatz einsetzen und aussprechen.

Und dann scheißen wir auf fancy Duftkerzen. Dann gibt’s ein ganzes Lagerfeuer.

Fotocredit: That Hipsterporn

PS: Nächste Woche gibt’s übrigens die Fortsetzung von diesem Artikel, in dem ich meine Ahnung kundtue. Aber was weiß ich schon?

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