Party, Models, Lügen: Ich habe mich in New York schön ver*rschen lassen.

Ich hätte nie gedacht, dass mir mal sowas passiert. Zu einer Verarsche gehören immer zwei: Einer der’s macht, und einer, der es mit sich machen lässt. So dachte ich immer. Man muss schon ganz schön bekloppt sein, wenn man auf Lügen reinfällt. Mit der Einstellung kultivierte ich mein Misstrauen und ging immer erstmal von der Möglichkeit aus, dass jemand lügen könnte oder die Wahrheit zumindest dehnt. Das sollte doch reichen als Schutz, oder?

Gleich vorab: Dieser Artikel hat nichts mit Sex oder romantischen Ideen zu tun (würde ich hier eh nie von mir selbst schreiben), sondern einfach mit Lügen von vorne bis hinten – und zwar in einer Welt, die aus Posen besteht. An einem Ort, an dem ich dachte, einen Freund gefunden zu haben. Schöne Scheiße.

„Wollt ihr mitkommen in einen sehr exklusiven Club?“

Meine Freundin Klara und ich waren vor ein paar Wochen in New York. Wie immer ich im digitalen Nomadenmodus hatte ich meine Arbeit mitgenommen. Gleich am ersten Abend im Verboten in Brooklyn lernten wir zwei Jungs kennen.

Die beiden sahen harmlos aus und waren total nett. Der eine von ihnen, J, sagte, er sei Model Promoter. Ich hab mal ein bisschen darüber geschrieben: Promoter sind die Typen, die Geld dafür kriegen, dass sie Models in Clubs holen. Die Models ziehen daraus den Vorteil, dass sie als junge geldlose Mädels (oder auch Jungs) in einer sauteuren Stadt umsonst die Sau rauslassen können. J hatte eine Modelwohnung, in der seine Mädchen keine der fiesen Mieten zahlen mussten. Undsoweiter.

Folglich hatte J den Kontakt zu tausend Clubs in Manhattan, in die man schwer reinkommt. Und schwup, saßen wir im Taxi nach Manhattan. Wir fuhren ins Provokateur, ein „very exclusive Club“. Is’ klar, natürlich war die Musik unterirdisch, das Setting kitschig plüschig, und überall tanzten dünne wunderhübsche Mädchen in Minikleidern und Glitzerheels um wenige Anzüge herum. Genau mein Ding also.

Puh, na gut, Js „Freunde“ hatten einen Tisch, auf dem ein Riesenkübel mit alkoholischen Kaltgetränken und Champagner rumstand. Klara und ich feierten unter einem ewigen ironischen Fragezeichen, aber hatten Spaß. Ich zelebrierte obendrein, dass die Selektorin am Eingang mich ihrem Blick nach zu urteilen nicht hatte reinlassen wollen. Hehehe.

Hübsche unschuldige Mädchen, so weit das Auge reicht

Danach zogen wir weiter zu einer privaten After Hour. Da passierten die ersten schrägen Momente. Ich meine, ich bin echt offen und jeder macht seine schäbigen und schrillen Erfahrungen. Aber wenn ein fremdes dünnes, junges und superdichtes Modelmädchen in meinen Armen plötzlich anfängt zu heulen (aus welchem Grund auch immer), finde ich es so semiwitzig. Da kriege ich den Beschützerinstinkt. Außer mir hatte das allerdings keinen interessiert.

(Von dem aufdringlichen Typen, der uns auf aggressive Weise in eine Hotelsuite überreden wollte, erzähl ich gar nicht erst.)

J versuchte währenddessen Deals zu machen, in dem er ein weiteres Model überredete, am nächsten Tag in einen Club zu kommen. „Ich hoste im Up / Down. Bring deine Freunde mit, ich bezahl euch.“ Seltsam, diese Welt.

Aber J war super zur mir. Nicht dass ich jemanden brauche, der mich beschützt, aber ich fühlte mich sicher in seiner Nähe. Er war null aufdringlich und so fürsorglich, als wären wir seit Jahren Freunde. Ich konnte ihm vertrauen. Dachte ich.

Ein paar Tage später wollte J uns zum Dinner ausführen. Er würde auch einen Kerl für Klara mitbringen. „He’s a male model“, lockte er. Haha! Der Laden hieß Catch und kam auf Empfehlung eines „Kollegen“. Beim ersten Drink an der fancy Bar kam ein Schwung Mädels bzw. Models, von denen eine getupfter und gezwirbelter war als die andere. Und nackiger. Es waren nette Mädels, sie quietschten nur ein bisschen viel. Natürlich kein Male Model weit und breit.

Ich bin raus, kein Tischarrest für mich!

Und es wurden immer mehr Mädchen. J beteuerte, ein Kollege habe ihn eingeladen, scheinbar sei das ein „Promoter Dinner“. Er wusste nichts davon! Nur seltsamerweise schien J dort plötzlich zu arbeiten. Ein Promoter Dinner ist quasi das Warm-Up für einen dekadenten Abend mit den Mädchen (ehrlich gesagt verstehe ich das Prinzip bis heute nicht). „Egal“, dachte ich mir. „Ich gehöre ja nicht dazu.“ Ich in abgeschnittenen Jeansshorts, ACDC-Shirt vom Thrift Shop und Flats. Sollten die mal alle machen und ich schaute mir das von außen an.

Wir saßen am Tisch – nur Frauen und J – und wurden von vorne bis hinten mit Sushi & Co vollgestopft. Zumindest, soweit die Mädels überhaupt essen konnten. Aber trinken konnten sie umso mehr. Danach ging es wieder an einen Tisch an der Tanzfläche mit Riesenkübel, und noch mehr Mädels kamen zu uns. Ich behaupte ja, die Champagner- und Tequilaflaschen steigen exponentiell mit der Kürze der Miniröcke.

Der Laden wurde voller, die Musik lauter, die Mädchen betrunkener und was sie sonst noch intus hatten. Einige von ihnen krabbelten mit ihren High Heels auf die Tische und Sofas und tanzen lasziv frohlockend. J meinte, er liebte es, wie er den Mädchen eine gute Zeit bescherte. Und sie hatten offensichtlich Spaß. Also warum ekelte mich das so an? Ich bin echt nicht prüde, ich mag Table Dance, Stripper und Rotlicht, aber diese Dinge in der Hood sind wenigstens bewusst und authentisch kinky.

Das hier im Catch war natürlich viiieeel besser als Rotlicht. Hier lag nicht nur eine Arroganz in der Luft, sondern auch ein herablassender Vibe gegenüber den Mädchen. Mädchen, nach denen die Typen so blind und selbstverständlich griffen wie morgens nach ihrem Anzug im Klamottenschrank.

J tauchte immer dann auf, wenn ich schon mit Freundinnen war

Zudem gibt es gerade noch andere Themen in der Welt, derer Nabel wir nämlich nicht sind! Woanders fürchten Menschen um ihr Leben, sind traumatisiert und abgemagert aus ganz anderen Gründen. Für jede Champagnerflasche denselben Betrag an Flüchtlinge spenden, das wär mal was. „Tanz mal mehr am Tisch“, meinte Js Kollege zu mir. Aber ich gehörte doch nicht dazu. Für mich kein Tischarrest!

Im Taxi nachhause hatten Klara und eine kleine Auseinandersetzung darüber, wie man sich in so einer Situation am besten verhalten sollte. Stellt dir mal vor: Du kommst als 18-jähriges Model nach New York, einer Stadt, in der du dir nichts leisten kannst. Du hoffst auf Jobs und Kontakte – und die Skyline macht dich so schon high. Und dann kommen Promoter, bewerfen dich mit Champagner und Drogen in einem Glitzerclub und sagen dir, du seist etwas ganz Besonderes. Klar ersäufst du im Pool des Hedonismus. Ich hätte es in dem Alter auch gemacht.

Tage später besuchten Klara und ich Silvya, eine der coolen Frauen, die wir im Catch kennengelernt hatten. Als ich J textete, wo wir waren, kam er sofort dazu. Wir hatten gute Gespräche zu viert, aber J wollte ins No 8 weiter. Und ich hatte keine Lust. Mir reichte es erstmal mit Manhattan, lieber blieb ich im berlinesken Brooklyn. Und mit meinem „Nein“ brach bei J der Damm der Überredungskunst: „Du musst unbedingt mit. Bitte, nur zehn Minuten. Mir ist das alles auch egal, aber wir sind doch Freunde, wir haben zusammen Spaß. Wir machen das, komm schon.“ Blah.

„I want this shit, I need this shit“

Ende vom Lied war, dass J uns wieder in Clubs schleifte, und so ging das in den folgenden Tagen immer weiter – No 8, One Oak, PHD, Gilden Lilly, alles irgendwie dieselbe Nummer. Wenn ich nicht nach Manhattan wollte, kam J nach Brooklyn und holte uns ab. „Du bist die einzige, die mich nach Brooklyn kriegt“, meinte er.

Die komischen Situationen häuften sich. J traf Klara einmal ohne mich und fragte sie, warum ich „so kompliziert“ sei. Warum ich nie mitwollte und er mich immer überreden müsse. An manchen Tagen war J wie verschollen und nachts tauchte er auf, sobald ich mit meinen Freundinnen war. Als hätte er die Frauen gerochen. Er versprach immer wieder, sein Kumpel würde mitkommen, aber da war nie ein anderes männliches Wesen außer einem Cabdriver oder einem Eichhörnchen oder so. Und wenn doch ein möglicher männlicher Begleiter in Sicht war, wurde J aggressiv. „No Guys, das lässt mich schlecht dastehen“.

Bei einer After Hour in einem krassen Penthouse wurde J auf einmal ganz still, und ich fragte ihn, was los sei. Er meinte, wenn er diesen Reichtum sieht, dann will er das auch. Er stehe unter finanziellem Druck. „Look at my lifestyle.“ Ich sagte ihm, dass mir das scheißegal ist, ob er Kohle hat. „But I want this shit, I need this shit.“

An einem Abend holte J uns direkt aus dem Output raus, sah aus wie ein Geist, hatte nicht geschlafen und war mies drauf. Als er mich in dieser Nacht komplett ignorierte und nur zuschaute, wie mich irgendwelche Idioten auf der Tanzfläche aggressivst nervten, haute ich ab, ohne mich zu verabschieden. Von wegen Freunde, von wegen Connection. Ich wollte nichts mehr von ihm wissen. Seine Entschuldigung am nächsten Tag war genauso überraschend wie reumütig, herzerweichend, weinerlich. Ich muss schon sagen, clever war er.

Ich hatte gedacht, drei Gehirnzellen hätte ich schon noch

Sylvia erzählte mir in einer der letzten Nächte, dass sie mittlerweile zwei Promoter auf dem Handy blocken musste, weil die jeden Tag angerufen hätten und sie in einen Club holen wollten. Die Typen verdienten pro Kopf auch an Menschen, die keine Models sind. Und Sylvia wollte möglichst fern bleiben von diesem besseren Escortservice. Zurück in Deutschland hat mich ein anderer Promoter auf Facebook angeschrieben.

In dieser Nacht war es, als ob es plötzlich wie eine Schlafmaske von meinem Gesicht rutschte: Die Lügen, die Ungereimtheiten, die angeblichen Missverständnisse und Überredungskünste, das waren keine Zufälle. J hatte gehofft, Geld mit uns zu machen. Er uns sein Kumpel kam damals im Verboten gezielt auf uns zu, weil sie sahen, wir waren keine Natives. An dem Abend im Catch gehörten wir sehr wohl zu den anderen Frauen, wir wussten nur nichts davon – im Gegensatz zu den anderen Frauen. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand auf einem vollen Fußballfeld die Hose runtergezogen. Eigentlich hatte J an jedem Tag irgendeine Scheiße gebracht. Okay, ich hatte natürlich schon Spaß und krasse Einblicke, aber eine Frage nagte ganz fies an mir:

Bin ich so verdammt dämlich, dass ich das nicht gecheckt habe?

Ich hab mal über das Phänomen Pick-up-Artist geschrieben, und das hier waren ähnliche professionelle Methoden, mit denen Typen den Mädchen Freundschaft oder Liebe vorlogen, um an ihr Ziel zu kommen. Aber ich hatte mich einfach nicht angesprochen gefühlt: Ich war weder Anfang zwanzig, noch Model, noch auf Heels unterwegs. Meine Theorie ist, dass J ein Geldproblem hatte. Immer einen auf dicke Hose, aber in einem schäbigen WG-Zimmer nur mit Matratze gewohnt. Da hat er jede mögliche Geldquelle gesucht.

Zuhause recherchierte ich das Thema ein bisschen, und es gibt echt wenig darüber. Manche Promoter machen Tausende pro Nacht, schreiben die NYTimes. Während Geschäftspartner sich in der Nacht inspiriert fühlen, noch mehr Tausender auszugeben. Den Mädchen wird viel versprochen – Kontakte, Jobs, Karriere – aber am Ende bleibt es meistens dabei, dass sie eben Mädchen sind. Und dass Männer diese Welt der Mädchen regieren. Der Observer zieht die Möglichkeit zur Prostitution in Betracht. Die NYtimes vergleichen das Phänomen mit „moderner Ausbeutung“. Aber die Promoter und die Mädchen sehen das natürlich nicht so. Sie haben ja alle nur Spaß.

Und was lernen wir jetzt daraus bezogen auf die allgemeine Welt zwischen Männlein und Weiblein?

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Foto: Merlin Bronque

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