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Karriere & Leben: Bist du bereit für die Erfüllung deiner Träume?

Faigy Mayers Sprung von der Rooftop-Bar in New York diese Woche hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Sie war 30 Jahre alt, der CEO und Gründer des Tech-Startups Appton.

Die junge Aufstrebende gehörte zu den Tech-Entrepreneurinnen, hatte mehrere Studienabschlüsse in der Tasche, mehrere Projekte realisiert. Dann stand sie auf einer Dachterrasse mit Skylineausblick in einer Bar mit 300-Dollar-Flaschen. Und was tut sie? Sie rennt los und springt. Vor den Partygästen.

Der Entrepreneur ist der Rockstar der Stunde. Entrepreneurship steht für die ultimative Erfüllung eines Traums, für Erfolg und Applaus, für Freiheit als Chef im eigenen Unternehmen, ein aufregendes kreatives Umfeld, Reisen, Trazillions von Geld, Macht, Nutten, Autos und so. Fast jeder träumt davon, Entrepreneur wie Zuckerberg & Co zu sein. Oder er bewundert dieses Leben von außen über Instagram.

Aber was ist, wenn ein oder mehrere Träume irgendwann sich wirklich vermeintlich erfüllen?

Ich habe gerade den Eindruck, dass bei mir ein Teil meiner Träume gerade in die Realität übergeht. Ein Literatur-Projekt, an dem ich mir Jahre über Jahre die Finger wundgeschrieben habe, ist unter Vertrag. Das wollte ich immer, und jetzt ist es da. Das ist vielleicht ein Schreck.

Und jetzt? Fliegen die Scheißefetzen so richtig im Sechseck. Eine neue Rolle mit neuen Aufgaben. Andere Verträge gesellen sich dazu, Projekte wachsen. Irgendwann vermutlich höhere Honorare, mehr Rumgurken, mehr Entscheidungskraft, neue Kontakte, Macht, Nutten, Autos… und viel viel mehr Druck. Der Druck ist schräg. Und die große Frage, ob ich dem gewachsen bin.

Je mehr Erfolg, desto mehr Verantwortung.

Immer mehr Leute klopfen an, sie kritisieren, bashen, loben, suchen Aufmerksamkeit. „Was wollen die, und wieso ich?“, fragst du dich dann. In dem Zustand kann sogar ein Lob kann etwas sein, dass dich von der Sache entfremdet, weil du mit dem Bild, das der Typ von dir hat, nix anfangen kannst.

Bei mir dreht dann gerne mal eine Sicherung durch. Dann möchte ich einfach nur wegrennen in die Nacht hinein und mich auf dem Baumhaus meiner Kindheit verstecken mitsamt Decke überm Kopf. Hilfä. Und dann frag ich mich wieder, wie beschissen ich denn sein kann so undankbar mit dem First-World-Problem galore.

Eigentlich ist der Ausdruck, ein Traum „geht in Erfüllung“, schon Quatsch. Das klingt, als würde mit einem großen Knall plötzlich die Konfettikanone losgehen. In Wirklichkeit besteht die Traumerfüllung aber aus einem Prozess aus Überstunden, Scheitern, Aufstehen, Neuanfängen und huhnartigem Rumrennen, um so wenig Bälle wie möglich fallen zu lassen. 9 von 10 Startups scheitern angeblich.

Nur wer nicht aufgibt, zwischendurch mal stehen bleibt und mehrere Jahre zurückblickt, kann merken: „Ach du Scheiße, ich bin eigentlich da, wo ich früher sein wollte. Fühlt sich das jetzt geil an? Keine Ahnung.“ Und denn geht das hirnlose Rennen weiter.

Mayer wäre nicht die erste Traumerfüllerin, die Selbstmord begeht. Ich will nicht über den eigentlichen Grund von ihrem Sprung herumpsychologieren (sie hatte wohl auch familiäre Probleme), aber zumindest ist es doch so, dass die Traumerfüllung sie nicht „gerettet“ hat.

Eine Studie von Michael Freeman, Professor und Entrepreneur, stellt einen Zusammenhang her zwischen Entrepreneurship und mentalen Probleme her. Er befragte 242 Gründer, von denen laut seinen Charts 49% den kleinen Hau hatten. An erster Stelle stand die Depresssion mit einem 30-prozentigen Anteil. ADHD mit 29 Prozent und Angstzustände mit 27 Prozent kamen danach. Bipolarität ist auch sowas Feines aus der Liste. Zum Vergleich: Unter der Gesamtbevölkerung der Amis sollen „nur“ 7% als depressiv gelten.

Entrepreneur wird vielleicht erst jemand, der auf der Suche ist, ähnlich wie Stars, Künstler oder andere Traumerfüller womöglich auf der Suche sind. Andersherum können ein Burnout, Angst und die Scham vor der eigenen Schwäche vom Entrepreneurship erst verstärkt werden

Denn was angeblich „Gutes“ mit dem Erfolg kommt – nämlich Geld und schicke Leute – ist auch nicht unbedingt das Goldene vom Ei. Die hotten Gäste in der fancy New Yorker Rooftop-Bar haben wie reagiert auf Mayers Sprung? Sie feierten gechillt weiter. Arschlöcher. Wenn du dich da mal nicht einsam fühlst.

Die Moral aus diesem Text wäre folgende: Egal wie es von außen aussehen mag:

Es gibt nichts, was dich glücklich machen wird.

Sorry. Niemals nie wird etwas kommen, was dich glücklich machen kann, das gibt es einfach nicht. Also warte gar nicht erst drauf.

Das einzige, was du tun kannst, ist glücklich sein. Und zwar jetzt.

Das klingt schleimig von einem zynischen Maul wie mir, aber Dankbarkeit ist ein großer Deal davon. Dazu kommen noch grandiose Freunde, ohne die es niemals möglich wäre.

So, jetzt reicht’s aber mit der Tränendrüse.

Schönes Wochenende und lasst die Sau raus.

Bild via: C-Heads

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