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Süchtig: Hast du Erfolg, trinkst du mehr Alkohol (Studie)

Ich wusst’s! Ich habe sie gewarnt, sagt mir alle, dass ich Recht hatte:

„Du musst das bitte selber verantworten, wenn du jetzt noch einen fetten Cocktail trinkst“, habe ich meiner Freundin Amanda gestern Abend gesagt.

Auf dem Konzert im Trust hatte sie schon einen sitzen und ging mir – gelinde gesagt – da schon ordentlich auf die Nerven.

„Äh, ich kann doch auf mich selber aufpassen“, atwortete sie pikiert, als wir in der Kantine Kohlmann diese Dinger mit Rosmarin bestellt haben.

Auf sich selber aufpassen, is klar. Viel zu viele Stunden und dämliche Witze später musste ich sie immerhin nicht nachhause tragen, sondern sie lief. Ganz von selbst in Schlangenlinien. Und heute liegt sie flach. An ihrem freien Tag. Sie wollte eigentlich den sonnigen Tag genießen, rausgehen und zum Friseur. Alles nix.

Am besten ist, dass sie jetzt so überrascht ist und meckert. Sorry, aber das kann ich nicht nachvollziehen, wie Menschen, die schon ein paar Jahrzehnte auf der Welt und insgesamt vermutlich mehrere Tage über der Kloschüssel verbracht haben, immer noch nicht ihre Grenzen kennen. Zumindest in dieser Situation hätte sie es ahnen können.

Jetzt gibt’s die ultimative Studie, die Alkoholkonsum rechtfertigt

Nicht, dass ich was gegen Alkohol hätte. Ich bin ein Rotweintrinker. Ich liebe das: Am Ende eines arbeitsreichen Tages ein bauchiges Glas mit dem schönen roten Trank. Das ist Genuss und Entspannung. Ich checke das gar nicht, dass das Alkohol ist. Außerdem, rede ich mir ein, stecken da irgendwelche gesunden Anti-Aging-Sachen drin. „Jemand ein Glas Antioxidantien?“ – „Ja, voll geil, lasst uns freie Radikale töten, yeaaaah!“

Seltsam, wie unterschiedlich die Einstellung zum Gesöff sein kann. Als Kind und Jugendliche bin ich mit einer halben Fußzehe in Südfrankreich aufgewachsen, wo einfach schon mal vormittags der Rosé auf den Tisch gepackt wird. „Deswegen ist die Alkoholismusrate in den mediterranen Gegenden auch so hoch“, würde einer meiner vielen Entzugstherapeuten jetzt sagen. (Ey, das ist natürlich ein Scheeeerz.)

In der Tat: Ein vormittäglicher Konsum jedweder Art ist auch mir zu hart. In Berlin wirst du quasi schräg angeschaut, wenn du ohne Bierflasche in der Bahn sitzt. Du Freak. In Los Angeles dagegen, wenn ich abends ein Glas Rotwein in der Hand hielt, haben sie mich angeschaut, als wäre ich der Antichrist, Freddy Krüger und Hellraiser in einem. Dafür ist Kiffen dort total okay, hmmm.

Hemingway, Capote, Bukowski: Alle flüchteten sich im Alkohol

Ist mir doch egal, ich hau mir den Gin in den grünen Smoothie. Den spießigen, verkrampften Doppelmoral-Typen in LA kann ich jetzt nämlich den Fakt der Fakten ‚in your face’ knallen: Du bist gar kein Asi, wenn du Alkohol trinkst, sagt eine Studie. Um nicht zu sagen, wirst du vom Alkohol sogar erfolgreich. Oder nein, warte, das war so rum:

Die Organization of Economic Operation and Development (OECD) hat ausgerechnet: Je erfolgreicher du bist, desto mehr Alkohol trinkst du. Zitat: „Menschen mit höherer Bildung und einem höheren sozioökonomischen Status, neigen dazu, mehr Alkohol zu trinken.“ Ich behaupte ja, solange du den Begriff „sozioökonomisch“ noch fehlerfrei aussprichst, kann es auch mit deinem Alkoholkonsum nicht so schlimm sein. Männer trinken laut der Studie mehr, aber die Frauen scheinen sich immer mehr an ihre männlichen Kollegen anzupassen.

Heißt das jetzt, dass ich erfolgreicher bin als meine Freunde in LA? Schließlich waren die kreativsten und genialsten Künstler und Autoren viel härtere Trinker. Edgar Allen Poe, Truma Capote, Jack Keruoac, Ernest Hemingway, Charles Bukowski schienen dem Alkohol verfallen. Natürlich endete das teilweise nicht mehr so lustig.

Der Kontroll- und Gesundheitswahn kann auch eine Sucht sein

Woran liegt das? Ich vermute, für einen Künstler kann der Alkohol eine Flucht von der echten Welt sein. Aber auch erfolgreiche Menschen, da sie sich selbstredend mehr unter Erfolgsdruck stellen, mögen den Champagner für die Flucht gebrauchen. Oder eben als Ritual für die Entspannung – wie ich auch.

Vielen Menschen könnte man vermutlich eine „psychische Abhängigkeit“ bescheinigen (was auch immer das heißt). Aber so sind wir nach vielen Dingen süchtig: Wir sind süchtig nach Arbeiten und Erfolgen. Oder nach Shopping. Andere können einfach nicht ohne Reisen oder Adrenalin. Kaffee oder Schokolade oder Sex. „Ich bin nicht süchtig, ich könnte jederzeit aufhören“, sagen wir dann. Auch diese dauernde Gesundheits-Vegan-Detox-Fitness-Selbstoptimierung kann zur Sucht werden. Inklusive auf Facebook davon berichten zu müssen, wie wahnsinnig beherrscht, kontrolliert und besser wir sind als die Alkohol trinkenden und Schokolade essenden Menschen. Alles, was zwanghaft oder automatisiert passiert, ist eine Abhängigkeit, oder nicht? Und ist das dann ein Gewinn oder Verlust? Das kommt wohl darauf an, wie schädlich oder selbstverleugnend dein Verhalten ist.

Ich zum Beispiel merke, wie ich manchmal einfach renne, weil ich es eilig habe. Dauerndes Rennen von einer Erledigung zur nächsten. Furchtbar. Das Rennen und der Stress können meine Sucht sein, weil ich es dann überhaupt nicht mehr merke. Deswegen denke ich, dass es wichtig ist, es überhaupt erstmal anzuerkennen, wenn du die Kontrolle verlierst. Ich muss mich dann zum Runterkommen zwingen, aber mit etwas Übung geht’s. Oder an manchem Abend mit einem Glas Rotwein. Oder mit einer möglichst stumpfsinnigen Superhelden-Serie (ohja, süchtig!). Jeder kann nur von sich selbst wissen, ob er seine Taten wirklich genießt oder sich gerade selbst verarscht. Denn ab einem gewissen Grad, wenn sie dem Ruder läuft, ist mit keiner Sucht zu spaßen.

Ich bin mal gespannt, wann Amanda wieder trinken kann, nachdem sie von den Toten aufgewacht ist. Wir gehen später zusammen auf eine Geburtstagsparty – und dann werde ich sie an gestern Nacht erinnern. (Ah! Gerade kommt eine SMS. Ihr geht’s wieder besser, auweia.) Aber auch sie muss es selber wissen. Keine Trage-Aktion nachhause.

Übrigens soll es laut der OECD Studie übrigens auch ein Fakt sein, dass moderates Trinken positive Effekte haben kann. Na denn: Antioxidantien!

Foto: Merlin Bronque

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