Ich schreib euch diesen Blog auf Deutsch und Englisch, um mehr Leser zu erreichen und meinen Freunden in Ghana die Möglichkeit zu geben, den Link weiter zu verwenden und auch an andere zu schicken, weil es wichtig ist, dass Leute dies hier mitbekommen und lesen können.

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Vor einer Weile hatte ich bereits einen Artikel über das Center of National Art and Culture in Accra gepostet. Hinter dieser kleinen Community ist ein großes Areal auf dem viele Künstler und Handwerker leben, aber mittlerweile haben sich hier auch jede Menge andere Menschen aus verschiedenen Regionen Ghanas oder gar anderen Ländern angesiedelt. Es handelt sich hierbei um ein schwer heruntergekommenes Viertel, das stark von Armut geprägt ist, über kaum hygienische Standards und keinerlei notwendige Infrastruktur verfügt und das von oben bis unten voll gemüllt ist – ein Slum eben. Die Nicht-Regierungs-Organisation (NGO oder NRO) „Solid Rock Association“ hat sich mit einem ihrer Zufluchtshäuser mitten in diesem Armenviertel angesiedelt. Das Hauptziel ist hierbei sich um die Kinder des Slums zu kümmern und diese von den Straßen zu bekommen – wenn man das überhaupt Straßen nennen kann. Die Sozialarbeiter bieten hier ein sauberes Gebäude mit einem ruhigen Hinterhof, auf dem die Kinder spielen können. Sie versuchen erstmals durch Musik und Tanz einen Draht zu den Kindern aufzubauen, es wird das Spielen von Instrumenten unterrichtet, aber auch eine Vielzahl anderer Künste und Handwerke, wie Malerei oder das Herstellen von Kleidung. Dies soll den Kindern die eigene Kreativität verdeutlichen, das Selbstbewusstsein der Kinder stärken und ihnen Zukunftsperspektiven eröffnen, aber auch vor allem zeigen, dass ein jeder die Fähigkeiten zum Erschaffen und Produzieren von Dingen besitzt. Die freiwilligen Helfer unterrichten auch zunehmend andere Fächer wie beispielsweise Mathematik, Englisch oder Geographie, außerdem verfügt die Einrichtung über Computer, um IT-Kenntnisse zu vermitteln. All dies soll den Kindern unterstützend dienen, um später leichter einen Weg aus der Armut zu finden.

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Am Sonntag den 14. September wurde fast die Hälfte des Slums hinter dem Arts Center von großen Bulldozern platt gemacht. Einige Tage zuvor kam der Bürgermeister der Stadt vorbei und ordnete den Bewohnern an, die Arbeit in den Kunstwerkstätten zu beenden und ihre Wohnstätten zu verlassen. Die Anwohner wussten natürlich erst einmal nicht, wie man auf so etwas reagiert und wohin sie überhaupt gehen sollten. Die Stadt verfügt mittlerweile über immer weniger gutes Bauland und dieses Grundstück soll an Unternehmen verkauft werden, das heißt die Leute müssen da weg. Wohin ist erst mal komplett egal, interessiert auch niemanden der Anordnungsherren. Ein Großteil der Häuser wurde mit einem roten „X“ markiert und mit Sprüchen wie „Move out“ oder „Stop working“ angesprayt. Die meisten Leute in den angrenzenden Bruchbuden arbeiteten in den Kunstläden, produzierten Bestandteile für den Verkauf oder waren sonst wie mit der Arts Community verbunden, es entwickelte sich aber insgesamt zu einem Ansiedlungspunkt für eine große Anzahl Menschen aus sämtlichen Himmelsrichtungen. Die meisten lebten in diesem Slum jedoch bereits seit über 20 Jahren.

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Als die Bulldozer eintrafen wurden diese von einem großen Polizei- und Sicherheitsdienstaufgebot begleitet, um die sichere Durchführung der Zerstörungsarbeiten zu gewährleisten. Es könnte ja jemand unzufrieden stimmen, dass das eigene Heim samt Hab und Gut platt gewalzt wird. Fotografieren und Filmen wurde nicht geduldet, mir wurde erzählt, dass sogar zwei Reporter festgenommen wurden, weil diese über den Vorgang berichten wollten und erst eine Weile nach dem Hergang wieder entlassen wurden. Ich musste mich also recht gut verstecken und konnte ein Großteil des Materials erst die Tage danach sammeln, aber es zeigt das Ergebnis der Aktion doch sehr gut.

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Es besteht immer noch keinen Plan zu einer angemessenen Umsiedlung oder ein alternativer Wohnort überhaupt für all diese Leute. Nun sind hier an die 2000 Menschen am Durch-die-Gegend-ziehen, sind frustriert, am Erdboden zerstört, obdachlos und ohne Zukunftsperspektive. Einige durchsuchen immer noch das Feld nach ihren Besitztümern, andere bauten provisorische Hütten am Strand, um zumindest für die ersten Nächte ein Dach über dem Kopf zu haben. Viele Häuser sind mit einem neuen roten „X“ gekennzeichnet und selbst die Solid Rock Association muss höchst wahrscheinlich weichen. Die Planung dieses Städtebaus ist komplett ohne einen Gedanken an diese Menschen, an ihr Leben und ihre Zukunft erfolgt. Es geht hier nicht nur um Grundrechte oder den Respekt vor einem Menschenleben, man sollte sich hier auch im Klaren sein, dass in den Vororten Accras eine Choleraepidemie wütet und der Ebolavirus sein Unwesen in den Ländern vor der Landeshaustür führt. Diese Art von Umgang mit der Bevölkerung erhöht die Infektionsraten jeglicher Krankheiten ungemein, was auch ein Beispiel für die absolute Misswirtschaft in solchen Fällen aufzeigt – das ist hier nur eine Situation von vielen. Eine angemessene Aufbereitung und Säuberung des Viertels wäre nötig, um diesen Menschen überhaupt die Möglichkeit eines normalen Lebensstandard zu bieten, aber dies steht außer Frage. Es wird nicht einmal eine alternative Lebensfläche geboten. Wo sollen diese Leute denn nun bitte hin? Dies zeigt auch wieder, wie das Geld aus dem Ausland und der Unternehmen diese Länder regiert, wie unwichtig und wertlos der Großteil der Bevölkerung für die Organisatoren sind und wie absolut undurchdacht und hirnrissig solche Planungen oft ablaufen.

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Hier könnt ihr euch zwei Interviews anhören, die zwei Tage nach der Bulldozer-Plattmach-Aktion stattfanden. Eines ist von Arkaah Kobina dem Präsident der Solid Rock Association, das andere mit dem Künstler Joshua Arthur, der nun sein zu Hause verloren hat.

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Hier ist auch ein kurzes Video von einem Teil des zerstörten Gebietes:

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Falls ihr daran interessiert seid, der NGO zu helfen oder mit Leuten vor Ort Kontakt aufzunehmen, findet ihr hier alle nötigen Informationen zur Solid Rock Association, weitere Fotos, Interviews und mehr Hintergrundinfos.  >> Link zum Profil

Fotos / Video / Audios: Günther Michels