Perception | eL Seed’s Kunstprojekt für die „Müllsucher“ von Kairo

Kairo hat eine unglaubliche Recyclingquote von 85 Prozent. Verantwortlich dafür ist nicht etwa die staatliche Müllabfuhr, sondern das Volk der Zabbalin, arabisch für „Müllsucher“. Sie leben in Manschiyyet Nassar, einem informellen Stadtteil der ägyptischen Hauptstadt am Fuß des Muqattam-Hügels.

Etwa 60.000 bis 70.000 Menschen leben dort auf Grundlage einer systematischen Abfallwirtschaft: Mit Eselskarren sammeln sie in der Nacht und in der Früh über sechs Tonnen Abfall ein, die Hälfte der täglich anfallenden Masse in der Stadt, und zwar von Haus zu Haus. Der Müll wird dann in die sechs Müllviertel transportiert, Welle für Welle, den Tag über sortiert, gereinigt, weiterverwertet, geshreddert, gepresst und an Recycling-Händler verkauft. Ein organisierter Entsorgungsmechanismus ohne staatliches Zutun – im Gegenteil, das Müllsammeln gilt als illegal, weshalb die Regierung versucht den Zabbalin seit 2003 mit einer öffentlichen Abfuhr entgegenzuwirken, was ihre vor Jahrzehnten aufgebaute Existenz gefährdet.

Es sind hauptsächlich koptische Christen aus Oberägypten, die in den 1950er Jahren mit ihren Schweinen in die Metropole zogen. Sie übernahmen das Geschäft der Wahayas , die seit den 1920ern gegen eine Gebühr der Hausbewohner deren Müllentsorgung übernahmen. Die damals ausschließlich organischen Müllstoffe verkauften sie als Brennstoff, nach der Umstellung auf Heizöl benötigten sie allerdings neue Abnehmer, die sie schließlich in den Zabbalin fanden, die ihre Schweine mit Abfällen fütterten. Als dann 2009 auf Anordnung des Landwirtschaftsministeriums etliche Tiere aufgrund der Schweinegrippen-Hysterie abgeschlachtet wurden, bedeutete das einen Verlust von etwa zwei Dritteln ihrer Einnahmen durch den Fleischverkauf. Zwar gibt es wieder Schweine, auf das Niveau von vor der Keilung haben die Bewohner es jedoch nicht wieder geschafft. Die Lebensbedingungen sind katastrophal – Wohnungen aus Pappe und Blech, keine adäquate Wasser-und Stromanbindung und hohe Infektionsgefahr durch die Verarbeitung von Hausmüll bis hin zu Krankenhausabfällen mit bloßen Händen. Ein Leben in Armut, abgesondert von der Stadt, beschimpft und nur bedingt geduldet. Den Namen „Müllsucher“ haben sich die Menschen in Manschiyyet Nassar nicht selbst gegeben. Sie haben ein Recyclingsystem geschaffen, das effizienter und profitabler kaum sein könnte. Eine Quote unangefochten auch in Europa. Sie sind diejenigen, die die Stadt sauber halten und nicht nur mit einer unterdurchschnittlichen Lebenserwartung, sondern auch einer Menge Spott dafür bezahlen.

Der Street Art Künstler eL Seed hat sie besucht und ihnen ein anamorphotisches Kunstwerk gewidmet, das sich über fast 50 Gebäude erstreckt und nur von einem bestimmten Punkt des Muqattam-Hügels in voller Pracht zu sehen ist. Dieses Projekt namens „Perception“ soll Licht in den als dreckig angesehenen Stadtteil am Rande Kairos bringen und hinterfragt die gesellschaftliche Wertung. Mit Hilfe seines Teams und mit Hilfe der Anwohner, die eL Seed als sehr großzügig, stark und ehrlich beschreibt, entstand diese massive Arbeit, die die Worte von Saint Athanasius von Alexandria, einem koptischen Bischofs des dritten Jahrhunderts nutzt, welche besagen: „Anyone who wants to see the sunlight clearly needs to wipe his eye first.“ Die Umsetzung dieses Projekts empfindet der Künstler als eine der unglaublichsten menschlichen Erfahrungen seiner bisherigen Laufbahn.

Aufgewachsen mit tunesischen Wurzeln in den Vorstädten von Paris, verbrachte eL Seed die Entwicklungsjahre mit dem Jonglieren verschiedener Kulturen, Sprachen und Identitäten. Seine Kunst, die als „Calligraffiti“ bezeichnet wird, ist eine Mischung aus historischer Schriftkunst und französischer Straßenkultur, eine poetisch erscheinende Verbindung arabischer Kalligraphie mit modernem Graffiti. Aus der Kollision zweier unterschiedlicher Welten hat er eine neue gebaut und einen einmaligen Stil entwickelt. Komplexe Kompositionen appellieren nicht nur an die Worte und deren Bedeutung, sondern auch an ihre Dynamik, die das Gemüt des Betrachters trifft. Dazu verwendet er oft widersprüchliche Themen, die die Realität des Menschen und der Welt, in der er lebt, reflektieren sollen.

Mehr Arbeiten von eL Seed auf seiner Website und auf Facebook.

Fotos:
www.elseed-art.com
www.english.ahram.org

Video:
www.facebook.com

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