Hört auf damit!!! Diese Sache hat mich radikaler gemacht

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen auf eine Geschichte reingefallen, die mir mein eigener Hinterkopf in den letzten Wochen zugesäuselt hat.

Kennst du das, dass da irgendwas ist, wonach du dich sehnst? In meinem Fall war das runtergebrochen wohl die heimliche Sehnsucht, mir eine kleine Base in Kalifornien aufzubauen. Total bescheuert. Oder? Ich meine, Sonne, Palmen, Strand, Berge, Internationalität und obendrein noch Urbanität. An einem Ort, wo andere für Urlaub und Abenteuer hinreisen. Die Leute dort können eigentlich nur saumäßig glücklich sein. Oder?

Der Hinterkopf säuselte weiter: „Hier geil, Deutschland scheiße. Und da, riech mal den Duft der Blüten erst…“ Ich weiß ja, das ist Quatsch, bei uns duftet’s auch – und zwar mit Wasser, das nicht trotz Knappheit verschwendet wird. Aber der Kopf macht das eben. Und eines Tages klingelte dann das Glöckchen: „Ich würde sofort nach Berlin gehen“, sagt Peter, ein Baristo im wunderbaren Venice Grind mit einem Kaffee, in dem ich gerne baden wollte. „Aber geht halt nicht wegen Arbeitsgenehmigung und so.“ Hab ich das richtig gehört? Na gut, Berlin ist cool, aber ey, du bist hier in der Sonne.

Ich wollte diesen Kommentar erst als Bug im System verbuchen. Aber dann bin ich noch einem begegnet. Und noch einem. Und dann hab ich von einem über jemanden gehört, der bereits in Berlin lebt. Irgendwie scheinen Berlin und Los Angeles inoffizielle Geschwisterstädte zu sein. Der ganze Kontinent kommt aber auch gut: „Ihr könnt in Europa so froh sein, weil ihr in jedem Land mit unterschiedlichsten Kulturen leben könnt, totale Freiheit“, sagt meine Lyft-Fahrerin (Lyft ist so was wie Uber).

„The grass is always greener on the other side.“

Mit diesem Spruch fasst es mein kluger Mitbewohner Pat, mit dem ich darüber mal wieder nachts und stundenlang sprechen musste, zusammen. Die Erkenntnis ist nichts Neues, ich bin ja nicht doof. Aber das immer wieder live und in Farbe vor die Nase geklatscht zu kriegen, sorgte dafür, dass ich mich und meine Sehnsucht dauernd hinterfragen musste. Ich meine, sind wir sooo bescheuert? Oder bin nur ich so bescheuert?

Ich schiebe das Ganze auf die Tatsache, dass wir nicht ehrlich sind. Weder wir mit uns selbst, noch wir mit den anderen, noch du, ich oder die anderen mit uns. Wir wollen den krasseren Urlaub, den klügsten Kopf, den größeren Erfolg und mehr Liebe haben – und den Neid der anderen. So dumm wie ich Social-Media-Bashing finde, aber der Insta-Kram & Co befeuert unsere Neidkultur und öffnet das Fenster mit Blick auf jene Seite, auf der das grünere Gras zu wachsen scheint. Aber gibt es diesen Ort wirklich?

Im sonnigen Staat bin ich so vielen Menschen begegnet, denen sie Sehnsucht nach dem grünen Gras ins Gesicht geschrieben stand. Jeder von ihnen scheint nach etwas zu suchen. Das muss nicht unbedingt der andere Kontinent sein, es kann auch der große Wurf im Business sein, an dem mein Mitbewohner Marc (der andere) und Beverly-Hills-Native tüftelt. Eines Tages würde der millionenschwere Payday eintreten, und dann würde er gar nicht mehr arbeiten müssen. Oder die große Liebe, auf die der ehemalige Rockmusiker Chad hofft. Andere warten auf den perfekten Körper, die größere Wohnung, die krassen Schuhe, und bis dahin gibt’s den ausgeklügelten Tech-Smoothie. Das ist es doch, das bringt uns der Sache schon näher, oder?

Es muss doch dieses eine verdammte Ding geben, das endlich die Suche beendet!

Wo ist das Scheißteil, das mich auf die grüne Seite katapultiert? Andere Menschen schaffen es ja auch. Zumindest wollen uns das die Bilder weismachen. Vor der Online-Fassade eines Surf-Instructors konnte ich ja vor Ehrfurcht in die Knie gehen. Eigenes Label, Fernsehauftritte, eigene Party, coole ‚Freunde’, klischee-triefende Hashtag-Lawinen und die hottesten Frauen auf dem goldenen Surfboard serviert. Frohlockend, natürlich. Aber im echten Leben sah das dann nicht mehr so perfekt aus. Ein Geschäft läuft ‚heute’ nunmal über die Social-Media-Persönlichkeit. Face to Face war er aber authentisch, das muss man ihm lassen.

Im Gegensatz zu Musiker Chad. Manche Menschen brauchen kein Social Media, die meistern ihr Schauspiel in Persona auch super. Da wird halt mal ausgiebig die Yogafigur mitten auf dem Asphalt in Santa Monica präsentiert, die Gitarre im Friseursalon ausgepackt und mit künstlich tiefgestellter Stimme pseudopoetisches Zeug erzählt. War das anstrengend. Man riecht aber auch schon auf zehn Meter gegen den Wind, wenn jemand nicht echt ist.

Hört auf, rumzuposen und euer Leben für andere zu leben!

Das ist die Forderung aus der Überschrift. Das grüne Gras ist ein Hoax, also brauchen wir doch auch nicht so tun, als ob. An unseren Sehnsüchten verdienen Industrien viel Geld. Aber es gibt nicht den erlösenden Payday, diesen einen Menschen, dieses Produkt, auf das du nur warten musst, und dann ist alles toll. Jedes, jedes, jedes Leben hat seine mehr und weniger grünen Stellen, und jeder, jeder, jeder kotzt mal über die Pfützen ab. Oder über den Matsch.

Nur wieso spricht niemand über seine Matschvarianten??? Brauner Matsch, dicker Matsch, matschiger Matsch. Das würde so viel einfacher und klarer machen. Brüste, Babys in Eimern und Ärsche packen wir ja auch auf die Timeline. Diese nackte Freiheit sei jedem gegönnt, aber wenn’s um das weniger grüne Gras geht, also um die vermeintlichen Makel, dann drehen sich alle pikiert weg.

Schade. Denn wir sehnen uns in Wirklichkeit nach Wahrheit. Und die kann Berge versetzen. Das zeigen seltene Beispiele, wie das Gewitter zum Thema Depression, das Jana Seelig  mit dem Hashtag #notjustsad auf Twitter heraufbeschworen hatte. Der Mut zur Echtheit ist eine Wohltat und bricht Dämme, auch im realen Leben. Ich glaube, deswegen brauche ich auch den kreativen Ausdruck, weil das der einzige Bereich ist, in dem ich radikal ehrlich sein kann.

Wer immer noch nicht überzeugt ist: Eine halbwegs aktuelle Studie zeigt sogar, dass der Echtheits-Move auch noch sexy ist, um es mal mit meinen unwissenschaftlichen Worten auszudrücken. Sowohl Männer, als auch Frauen scheinen demnach auf Bescheidenheit zu stehen. Aber um den Applaus der anderen geht es ja paradoxerweise gerade nicht.

Ich fang mal an mit der Ehrlichkeit: Ich bin der totale Loser beim Surfen

In LA hat es jedes Mal so gut getan, jemandem gegenüberzusitzen, der nicht posiert. Großartig. Pat zum Beispiel, der eine riesige Entwicklung durchgemacht hat, war von Anfang an so schamlos ehrlich über sich selbst, dass ich die Ehre hatte, den Umgang damit lernen zu dürfen. Durch ihn und andere echte Begegnungen habe ich erfahren: Am wenigsten verloren sind diejenigen, die sie selbst sind.

Sobald du merkst, dass du vor niemandem irgendeine Scheiße rechtfertigen musst, wird die Nummer entspannter. Und sobald wir alle aufhören rumzuposen, wird deutlich, dass bei niemandem immer alles grün ist. Und das ist okay so. Statt auf die andere Seite oder den Tag X zu schielen, können wir hier und jetzt anfangen zu leben. Ich hab auch gar keine Lust, immer so zu tun, als wär ich der Badass des Grauens.

Also, ich fang mal an mit der Ehrlichkeit: Ich werde vermutlich nie ein ‚normales’ Leben führen, auch wenn das verdammt scary ist. Allein meinen letzten ‚Urlaub’ hatte ich mit fünfzehn oder so. Ich mag auf Reisen die Improvisation. Ich brauche kein fancy Hotel. Ich leg mich auch auf eine Matratze auf dem Boden, denn sonst renne ich eh nur draußen rum und stecke meinen Rüssel überall rein. Zum Riechen, ich bin ein Nasenmensch. Oder ich baue einen „Tisch“ aus Schuhkartons, weil ich unbedingt am Pool arbeiten MUSS.

Ich will in komischen Ecken verloren gehen, weil ich den übelsten Orientierungssinn habe. Ich will mir die Haare mit Duschgel waschen, weil mir wie immer das Shampoo ausgeht. Die Haare sind sowieso völlig wild von Sonne und Sand, da würde jeder Friseur schreien. Im Koffer hab ich nur eine einzige Shorts zur ‚Auswahl’, weil ich die anderen (gerade mal zwei) natürlich unterwegs gefetzt habe. Ich mag erste Begegnungen, die oft erst komisch und anstrengend sind, aus denen dann aber etwas Spannendes wächst.

Ich will nicht auf einem Brett im Wasser stehen, weil ich dann sagen kann, wie toll ich bin. Sondern für mich. Und wenn ich mich nicht traue oder komplett dämlich anstelle – was mir sehr sehr oft passiert – dann macht das nichts. Weil ich’s eben für mich tue und nicht für jemanden anderes. Dann probiere ich es noch einmal. Oder ich gebe auf, auch okay. Dann suche mir einen anderen Blödsinn. Zum Beispiel eine kleine Base in Kalifornien aufbauen. Oder anderswo. Meine Maßstäbe, meine Regeln.

Und jetzt du!

PS: Ich musste LA übrigens früher verlassen. Darum ist das hier schon mein Resumé. Fertig bin ich mit der Gegend aber noch lange nicht.

Foto: Ali Marie Parker

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