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How to shoot a Kaffeetasse

Falls auch du irgendwann mal vorhast, es zu tun

Kaffeetassen, nichts Neues mehr, erst recht nichts Krasses, aber immernoch der letzte Schrei auf Insti, tumb, Fabe und Pinsta. Selbstverständliches Motiv des zeitgenössischen Stilllebens, meist präsentiert mit tättowierter Hand über braungebrannten Knien mit grauen Stricksocken auf strahlend weißem Bettlaken. Cool.

Eine Tages hast du selbst plötzlich Lust deinen Kaffee zu fotografieren (obwohl du dein #food und so eigentlich sonst nie im Internet ’sharest‘). Für so eine Handlung kann es verschiedenste Auslöser geben.

Zum Beispiel, weil du eine Aufgabe lösen willst, so wie ich. Ich studier Kunst und das hat zufälligerweise angefangen mit einer Kaffeetasse.

In ein Kunststudium gerät man ja normalerweise nicht einfach so rein, man muss meistens vorher etwas dafür tun. Zuerst mal ’ne Mappe. In der Regel kommen da etwa zwanzig Arbeiten von dir rein, die während der letzten (sagen wir mal zwei) Jahre entstanden sind, das variiert aber je nach Institution. Ein Besuch bei der Mappenberatung kann auf jeden Fall nicht schaden, der ein oder andere Tipp vom geschulten Auge kann ja immer nützlich sein.

Tag der Mappenabgabe, ich schätze mich mit den anderen Bewerbern auf ungefähr 60 Köpfe. Fast nur Mädels, keine zehn Jungs. Von 18 bis 40 komplett querbeet. Wir stehen in der Ausstellungshalle. Nachdem die nummerierten Mappen aufgenommen werden, dürfen wir nochmal heim gehen. Am Mittag kommen wir zurück und nehmen an einer zweistündigen Aufnahmeprüfung teil.

Der Teil, in dem die Kaffeetasse langsam ins Spiel kommt…

Showtime. Im ganzen Raum sind verschiedenste Gegenstände verteilt, von der Nudelpackung übers falsche Gebiss hin zur Klobürste. Die Aufgabe: Suche dir 1-3 der Gegenstände aus und arrangiere sie raumbezogen in einem Stilleben. Entweder drei Zeichnungen oder bis zu sechs Fotos. Alright. Schnell (das heißt nicht hektisch) ein gutes Objekt schnappen, bevor alles Brauchbare weg ist. Hinter mir steht eine Tasse mit vertrocknetem Kaffeerest im Boden. Ich bin nicht sicher, ob sie zu den gestellten Gegenständen zählt, oder ob sie irgendjemand einfach auf der Treppe hat stehenlassen. Eigentlich egal, mal abgecheckt. Jetzt nochwas? Vielleicht den goldfarbenen Löffel da drüben, das könnte ja zusammenpassen, Geschirr und Besteck. Schickt.

Tasse zeichnen ist langweilig. Ein gebrauchtes Trinkgefäß, kein allzu spektakuläres Motiv. Aber die verklumpten Bläschen im Inneren haben irgendwie Potenzial finde ich, zum Glück hab ich eine Kamera eingepackt. Wir werden in Räume eingeteilt, so hat jeder einen Platz zum Arbeiten und die Resultate können hinterher leichter zugeordnet werden. Trotzdem müssen wir diesen Platz nicht wahrnehmen, sondern dürfen uns auf dem ganzen Institut-Gelände frei bewegen. Fetter Bonus, es ist sehr schön hier und vorallem sehr alt. Perfekt für eine schäbige, dreckige Kaffeetasse. Ich mach mich los auf die Suche nach geeigneten Spots. Bevor ich es aus dem Raum heraus schaffe, fällt mir der farbverschmierte Tisch auf. Er gefällt mir, eine kontrastreiche Mische gestischer Gebrauchsspuren auf dunkler Platte. Direkt mal die Tasse platziert, Foto Nummer Eins.

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„Kaffeetasse schön mit Farbe“ (2016)

Durch den Flur spaziert komm ich an einem anderen Raum vorbei. Hier gibt’s ein Waschbecken, natürlich auch voll mit bunten Farbspritzern. Vielleicht geht da ja was, denk ich mir, aber nach fünf Minuten des Probierens bin ich nicht überzeugt genug und ziehe weiter, die Treppen runter. Irgendwie schön, die anderen sitzen überall verteilt auf den Stufen herum und sehen dabei kreativ aus.

Aha, eine angeranzte Fensterbank in Blau-Grau und Weiß. Passt voll gut zu der weißen Tasse. Außerdem Macken im Marmor und ein kreisrunder Abdruck, wie von einem feuchten Tassenboden. Was für ein Geschenk. Die besonders einfallsreiche Perspektive von oben hatte ich eben schon, aber die zieht auch hier. Schön auf die Komposition achten, damit die Linien auch halbwegs parallel verlaufen und kein scheppes Bild entsteht. Den Löffel hab ich noch garnicht benutzt, so here we go. Bisschen mit der Schärfe rumprobieren, die Tasse mal umschmeißen, damit ein bisschen authentische Unordnung entsteht.

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„Tasse auf Fensterbank Teil 1“ (2016)

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„Tasse auf Fensterbank Teil 2 – LÖFFEL“ (2016)

Draußen geht’s weiter. Eine halbwegs verwucherte Mauer grenzt den Hof ab. Mutig, wie ich bin, stelle ich mich auf die Zehenspitzen, um die Tasse da rauf zu kriegen. Aber auf dem Foto kommt nichts rüber, kleines weißes Ding auf großer Mauer. Als nächstes entdecke ich ein aufgebröckeltes Stück Mauer mit einem hölzernem Vogelhäuschen dran. Es wurde vor langer Zeit lackiert, die blaue und rote Farbe ist abgenutzt und ein bisschen verblichen. Auch die Mauer selbst hat verschiedene Ebenen und spielt mit ähnlichen Nuancen. Hallo Foto Vier.

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„Tasse spielt in Vogelhaus“ (2016)

Vor der Ausstellungshalle sehe ich eine Pfütze. Zu groß, als dass sie etwa aus einer verschütteten Tasse stammen könnte, aber wen juckt schon sowas. Der schottige Boden ist natürlich weder trocken, noch gemütlich, aber das lässt mich nicht davor zurückschrecken, mich darauf zu wälzen. Alles für die Kunst. Schnell noch nen Kippenstummel dazu geschmissen et voilà Foto Fünf. Locker noch Zeit für ein letztes.

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„Tasse mit Kippe am Wasser“ (2016)

Dazu leihe ich mir eine zertretene, verrostete Getränkedose von einem anderen Berwerber aus. Einen Aschenbecher schlepp ich auch schon seit ner Viertelstunde mit mir herum. Der stand nicht in der Halle, sondern irgendwo, und ich hoffe dass ihn grade keiner vermisst. Er wird zum dritten Element in meiner letzten Inszenierung auf dem dreckigen Betonboden. Schon wieder klassich von oben und schon wieder mit ein paar Akzenten fremden Farbgebrauchs. Mann, ist das modern.

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„Kaffetasse chillin with friends“ (2016)

Fotos:
Selini Müller

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