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Faina Yunusova (28), eine Künstlerin, „die in Moskau zu viele kritische Fragen stellte“. Dies war der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. April 2018. Sie wurde von der Stroganov-Kunstakademie exmatrikuliert, was ihr Leben nachhaltig veränderte. Über 88.000 Mal wurde ein Video auf ihrem Youtube-Kanal aufgerufen, in dem sie scharfe Kritik an der Universität übte. Inzwischen lebt Faina in Deutschland. Im vergangenen Jahr führte sie an der HfG in Offenbach ein Projekt auf Instagram durch und beleuchtete dabei aktuelle soziale Probleme. Kürzlich sprach Thyra Mecklenburg-Solodkoff anlässlich der ersten Einzelausstellung „EXperiment“ mit der Künstlerin über ihre Kindheit, ihr Studium, den Kontakt zu ihren Abonnenten und aktuelle Projekte.

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Faina Yunusova (28), an artist “who asked too many critical questions in Moscow”. This was the title of an article in the Frankfurter Allgemeine Zeitung on April 16, 2018, in which she was exmatriculated from the Stroganov Art Academy, which changed her life forever. A video on her Youtube channel was viewed over 88,000 times, in which she sharply criticized the university. Faina now lives in Germany. Last year she carried out a project on Instagram at the HfG in Offenbach, highlighting current social problems. Recently, on the occasion of her first solo exhibition “EXperiment”, Thyra Mecklenburg-Solodkoff spoke with the artist about her childhood, her studies, contact with her subscribers and current projects.

Du wolltest im April Deine Ausstellung eröffnen, die aber wegen des Ausbruchs des Coronavirus verschoben werden musste. Wie verbringst Du die Zeit in der Quarantäne?

Als die Ausstellung verschoben wurde, hatte ich ein ziemlich seltsames Gefühl. Aber es blieb mehr Zeit, um an neuen Projekten zu arbeiten. Ehrlich gesagt, die ersten zwei Wochen habe ich zunächst überhaupt nichts gemacht. In der dritten Woche wurde mir klar, dass dies nicht so weitergehen konnte, und ich versuchte, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Da durch ist es mir gelungen, der alltäglichen Monotonie zu entkommen. Ich habe mehrere Bücher gelesen, mit einer Freundin vier Folgen für unseren russischsprachigen Podcast „Achtung, Podcast!“ aufgenommen und mich mit Kunsttheorie auseinandergesetzt.

You planed to open your exhibition in April, but it had to be postponed due to the outbreak of the coronavirus. How do you spend your time in quarantine?

When the exhibition was postponed, I had a rather strange feeling. But there was more time to work on new projects. To be honest, for the first two weeks I did nothing at all at first. In the third week I realized that this could not continue and I tried to concentrate on my work. Through this I managed to escape the daily monotony. I read several books, recorded four episodes with a friend for our Russian-language podcast “Caution, Podcast!” and studied art theory.

Über Kunst. Wann hat das alles begonnen?

In einem Kindergarten in Taschkent. Meine Mutter bemerkte, dass ich viel zeichnete und Tiere eins zu eins darstellte. Eines Tages habe ich mir beim Spiel mit Stricknadeln das linke Auge verletzt. Es war eine Katastrophe! Ich hatte Spaß, aber meine Eltern hatten keinen. Ich habe immer gern gezeichnet. Meine Eltern sagten, dass ich das “perfekte” Kind sei. Sie konnten mich mit Bleistiften und Papier an einen Tisch setzen und mich noch nach vier Stunden in der gleichen Position vorfinden.

About art. When did all this start?

In a kindergarten in Tashkent. My mother noticed that I was drawing a lot and depicted animals one to one. One day while playing with knitting needles I hurt my left eye. It was a catastrophy! I had fun, but my parents didn’t have any. I always liked to draw. My parents said that I was the “perfect” child. They could put me at a table with pencils and paper and still find me in the same position after four hours.

Es ist erstaunlich, wer hätte gedacht, dass Du – das perfekte Kind – später in Moskau eine Revolution auslösen würdest. Erzähl uns mehr darüber, wie Du auf die Idee gekommen bist, in Moskau zu studieren, denn auch in Taschkent gab es die Möglichkeit, sich an der Kunstakademie einzuschreiben.

Während meiner Schulzeit fehlte mir die Kunstausbildung und ich wollte mich noch intensiver mit verschiedenen Kunsttechniken auseinandersetzen. So lernte ich Vladimir Burmakin kennen, ein herausragenden Künstler Usbekistans. Ich begann ihm im Atelier zu assistieren, spannte Leinwände auf die Keilrahmen, rührte Farben an, zeichnete Skizzen. Wir sprachen viel über die Kunst und das Leben. Es war eine aufregende Zeit, die mich dazu ermutigte Kunst zu studieren.

Da ich akademische Kunst an der besten Universität studieren wollte, gab es nicht viel Auswahl. Moskau oder St. Petersburg. Niemand in meiner Familie rechnete damit, dass ich jemals im Ausland studieren würde. Die Entscheidung, mich gehen zu lassen, fiel meiner Familie nicht leicht, aber ich wollte ein Abenteuer erleben und setzte mich ins Flugzeug nach Moskau. Das war im Herbst 2010.

It’s amazing, who would have thought that you – the perfect child – would cause a revolution later in Moscow. Tell us more about how you came up with the idea of studying in Moscow, because in Tashkent, too, there was the possibility of enrolling in the art academy.

During my school days I lacked art education and I wanted to study different art techniques more intensively. So I met Vladimir Burmakin, an outstanding artist of Uzbekistan. I started to assist him in the studio, stretched canvases on the stretcher frames, mixed colours, drew sketches. We talked a lot about art and life. It was an exciting time that encouraged me to study art.

Since I wanted to study academic art at the best university, there was not much choice: Moscow or St. Petersburg. No one in my family ever expected that I would study abroad. The decision to let me go was not easy for my family, but I wanted to have an adventure and so I got on a plane to Moscow. That was in autumn 2010.

Welche Abenteuer haben Dich in Moskau erwartet?

Im ersten Jahr war es sehr kalt. Das Essen war ungenießbar und die Menschen wirkten unzufrieden. Der Beginn meines Studiums machte mich aber sehr glücklich. Wir zeichneten viel nach der Natur, Akte, arbeiteten mit Gips und studierten verschiedene Materialien. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas großartiges begann, über das ich mit meinem Lehrer im fernen Usbekistan gesprochen hatte.

What adventures awaited you in Moscow?

The first year it was very cold. The food was inedible and people seemed dissatisfied. But the beginning of my studies made me very happy. We drew a lot from nature, nudes, worked with plaster and studied different materials. I had the feeling that I started something great, which I had talked about with my teacher in far away Uzbekistan.

Also war es eine positive Erfahrung?

Die ersten zwei Jahre waren sehr spannend, aber es gab noch vier weitere Jahre zu studieren. Ich wollte etwas neues, keinen reinen Realismus, in dem wir uns ständig übten, sondern etwas Modernes. Aber niemand wollte darüber diskutieren. Man hatte das Gefühl, dass die Akademie in ihrer fiktiven Welt lebte, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Die Lehrer ließen sich von Giottos Fresken und Deinekas Gemälden inspirieren und nahmen sich ein Beispiel an den alten sowjetischen Künstlern, aber nicht an Kasimir Malewitsch. Es war eine Utopie. Nach drei Jahren wurde mir klar, dass ich mit deren Einstellung nicht übereinstimmte. Ich begann mich für zeitgenössische Kunst zu interessieren und veröffentlichte heimlich Videos auf meinem Youtube-Kanal. In dieser Zeit entdeckte ich neue Inhalte und lernte junge Künstler kennen, die sich für die Freiheit in der Kunst engagierten.

Ich diskutierte viel mit meinen Dozenten und die Meinungen spitzten sich zu. Ein Jahr vor meinem Diplom wurde ich von der Universität verwiesen und exmatrikuliert. Meines Erachtens war es ungerecht, sodass ich Anklage erhob. Daraufhin entschied ich mich Moskau zu verlassen, um nach Deutschland zu gehen und in Offenbach zu studieren.

So it was a positive experience?

The first two years were very exciting, but there were four more years to study. I wanted something new, not plain realism, in which we constantly practiced, but something modern. But nobody wanted to discuss it. One had the feeling that the Academy lived in its fictional world, which had nothing to do with reality. The teachers were inspired by Giotto’s frescoes and Deineka’s paintings and took an example from the old Soviet artists, but not from Kasimir Malevich. It was an utopia. After three years I realized that I could no longer listen to this uncompromising task. I began to be interested in contemporary art and secretly published videos on my Youtube channel. During this time I discovered new subjects and met young artists who were committed to freedom in art.

I discussed a lot with my lecturers and the opinions came to a head. One year before my diploma I was expelled from the university and exmatriculated. In my opinion it was unfair, so I made a claim against it, which was rejected. Thereupon I decided to leave Moscow to go to Germany and study in Offenbach.

Was machst Du aktuell? Wie würdest Du deine Arbeit beschreiben?

Meine Arbeiten sind ein Experiment. Ich probiere gerne neue Dinge aus und experimentiere viel mit unterschiedlichen Materialien. Ich bin immer sehr neugierig, was passiert, wenn ich zum Beispiel Glas und Textil zusammen verwende. Sehr oft ist ein erstes Projekt die Erweiterung eines anderen.

What are you currently doing? How would you describe your work?

My work is an experiment. I like to try new things and experiment a lot with different materials. I am always very curious about what happens when I use glass and textiles together, for example. Very often a first project is the extension of another.

Du setzt dich intensiv mit Youtube und Instagram auseinander. Welche Vor- und Nachteile haben Social Media für Dich persönlich?

Für mich, als junge Künstlerin, gibt es da bestimmte Vorteile. Beispielsweise wie das Publikum – die Abonnenten meiner Accounts – reagieren, und was deren Feedback auf mich bewirken kann. Der Nachteil ist der sehr oberflächliche und schnelle Konsum von Informationen. Ich bleibe praktisch nicht länger als 5-10 Sekunden auf einem Post, scrolle einfach weiter. Diese Flut von Informationen macht mir manchmal Angst.

You work intensively with Youtube and Instagram. What advantages and disadvantages do social media have for you personally?

For me, as a young artist, there are certain advantages. For example, how the audience – the subscribers to my accounts – react, and what their feedback can do for me. The disadvantage is the very superficial and fast consumption of information. I practically don’t stay on a post for more than 5-10 seconds, just keep scrolling. This flood of information sometimes scares me.

Du gibst Deiner Generation eine Stimme. Wie setzt Du das um?

Ich kommuniziere sehr gerne mit dem Publikum und arbeite an gemeinsamen Projekten. Es ist einfach erstaunlich, wie sich eine Idee entwickelt und durch die aktive Teilnahme meiner Abonnenten Form annimmt. 2019 ist daraus das Instagram-Projekt #100DaysOfQuestions entstanden, das sich mit den aktuellen Themen der modernen Generation auseinandersetzt. Die Teilnehmer haben sich dabei gesellschaftliche Probleme und Fragen mit schwarzer Farbe auf den Körper geschrieben, die ich auf Acrylglasplatten im Smartphoneformat drucken ließ und die beim alljährlichen HfG Rundgang ausgestellt wurden.

You give your generation a voice. How do you implement this?

I enjoy communicating with the audience and working on joint projects. It’s just amazing how an idea develops and takes shape through the active participation of my subscribers. In 2019, this resulted in the Instagram project #100DaysOfQuestions, which deals with the current issues of the modern generation. The participants wrote social problems and questions on their bodies with black paint, which I had printed on acrylic glass plates in smartphone format and which were exhibited at the annual art school exhibition.

Wie wirst Du deine Arbeit in Zukunft weiterentwickeln? Was sind die nächsten Schritte für Dich?

Das Spektrum an Möglichkeiten ist enorm. Im Moment beschäftige ich mich mit den Auswirkungen unterschiedlicher Kulturen auf die Menschen und welche Ängste und Erlebnisse jemanden dazu bringen, seine Persönlichkeit zu verändern.

How will you develop your work in the future? What are the next steps for you?

The spectrum of possibilities is enormous. At the moment, I am dealing with the effects of different cultures on people and the question which fears and experiences make someone change their personality.

Interview by Thyra Mecklenburg-Solodkoff

Thyra Mecklenburg-Solodkoff has studied art history in Vienna, Austria, and graduated from the University of Heidelberg, Germany as Master of Arts. In 2016 she started her career as project manager of international art fairs at the gallery DIE GALERIE in Frankfurt am Main where she met Faina during the opening of an exhibition. Specialising in modern and contemporary art Thyra curated Faina’s first solo exhibition and therefore did an interview about her life and art projects.

Links

https://fainayunusova.com/

https://www.instagram.com/faina.ex/

Fotos by Isabell Benz und Faina Yunusova