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Etwas Amok und etwas pervers per Vers – Lyriker Martin Piekar

Autor und Lyriker Martin Piekar hatte uns zum Interview im Radio besucht und sein frisch erschienenes Gedicht-Band „Amok PerVers“ vorgestellt. Die Sendung war dann wirklich etwas Amok und per Vers pervers…. Aber etwas Chaos gehört zu Radio X eigentlich auch dazu. Es wurde über Wahrheit geredet, über das Wahnsinnigwerden, oder wie man heutzutage nicht wahnsinnig wird. Natürlich handelte viel von Frankfurt – der Stadt, die den perfekten Nährboden für sämtliche wahnsinnig machenden Gedanken und Impulse bietet. Es wurde düster-direkt und erhellend-ehrlich. Wir haben über lyrische Projekte gesprochen, über Wohnzimmerlesungen und natürlich auch über das neue Buch. Im Studio war außerdem die Frankfurter Kunst- und Kulturschaffende Petra Flick zu Gast.

Ich hatte nach längerer Urlaubspause meine erste Radiosendung, war etwas raus und dann sagte auch noch mein Co-Moderator ab. Wenig Vorbereitungszeit, vom Vorgänger verstellte Slots am Mischpult und ein aufgrund weshalb-auch-immer nicht-annehmbares Telefoninterview, trugen ihren Rest zum Durcheinander bei. Aber wo verdammt nochmal kam die ganze Zeit dieses Schallen und Piepsen her? Nach einer halben Stunde fiel dann zum Glück einem noch im Radio anwesenden Techniker auf, dass ein Kopfhörer etwas blöd platziert vor den Mikros lag….Saudoofer Anfängerfehler…  Nun gut, danach ging´s umso flüssiger weiter. Hier ist der geschnittene und anhörbare Teil des Radiobesuchs. Einige Passagen findet ihr auch weiter unten verschriftlicht:

ZUM AUTOR: Martin Piekar wurde am 5. August 1990 geboren und studierte Philosophie und Geschichte an der Goethe Universität in Frankfurt am Main; aktueller Wohnort ist Frankfurt. 2012 erhielt er ein Stipendium der Stiftung Niedersachsen beim Literaturlabor Wolfenbüttel. Er veröffentlichte in Literaturzeitschriften wie POET, floppy myriapoda oder Federwelt und in verschiedenen Anthologien. Piekar ist Mitglied des Jungautorenkollektivs „sexyunderground“ des Literaturhauses Frankfurt am Main. Seit 2016 besteht die Zusammenarbeit Pipes & Poetry, bei der Piekar zusammen mit Musiker Piper Glöckchen Lyrik mit Dudelsack, Uileann Pipe und Flöten kombiniert. Mal sanft, mal dröhnend. Weitere interessante Projekte sind die musikalisch-lyrische Eventreihe Theke, Texte, Temperamente oder eine poetische Puppenspiel-Vorführungen mit Magda Lena Schlott.  Sein erster Gedichtband „Bastard Echo“ erschien im Frühjahr 2014 beim Verlagshaus J Frank, Berlin. 2014 wurde er World Lyrikwrestling Champion. Im März 2018 ist der zweite Gedichtband „Amok PerVers“ und nach dem Buch „Überschreibungen“ somit das dritte Werk erschienen.

WÜRDIGUNGEN

2010  –  „Gedicht des Jahres“ vom Deutschland Radio
2012  –  Stipendiat der Stiftung Niedersachsen / Literatur Labor Wolfenbüttel
2012  –  Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike
2014  –  World Lyrikwrestling Champion
2015 & 2016  –  Förderpreisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen
2015 & 2016  –  hr2-Literaturpreis
2016  –  Atta-Troll-Superpreis für radikale Ideologiekritik

INTERVIEWAUSZUG: Wie würdest du deine Gedichtkunst beschreiben?

 „Das ist undankbar sich selbst für andere zu beschreiben. Ich weiß nicht, wie ich´s beschreiben würde, weil ich glaube, dass man das nicht einfach beschreiben kann. Aber das könnte ich auch mit keinem anderen deutschsprachigen Dichter machen oder mit einer Dichterin. Wie würde ich mich selbst beschreiben? Voll auf die Fresse! Vorne drauf! Jede Metapher ist nur dafür da, um etwas deutlicher zu machen.“

 

INTERVIEWAUSZUG: Martin Piekar zu den guten und schlechten Seiten von Frankfurt

„Alles in allem find ich, dass das ganz gute Seiten sind. Auch mit allen schlechten. Weil Frankfurt hat für mich immer einen ehrlichen Eindruck gemacht. Egal, wie runtergekommen es an manchen Ecken gewirkt hat. Der Alltag ist schon sehr poetisch, wenn man nur mal durch das Bahnhofsviertel läuft oder wenn man sich nur anschaut, wie die Zeil verläuft und was da für Menschen rum laufen. Das hat schon einen eigenen Zauber. Auch alles eben, weil es diffus ist, weil es kontrovers ist, weil es dreckig ist. Da muss ich nichts erfinden. Und darum geht es mir auch ein bisschen. Die Realität ist schon wahnsinnig in jeglicher Form. Zwischen schön und bekloppt. […] Ich weiß nicht, ob man das Gute im Schlechten sehen muss oder ob man nicht einfach beides sehen muss und es ernst nehmen muss. Es ist wichtig, dass man beides ernst nimmt. Und nicht das eine über das andere stellt. Oder versucht, das eine wegzuwischen mit dem anderen. Das ist beides wichtig. Und nicht nur, damit die Stadt cool ist, sondern weil die Stadt daraus besteht.“

Im Mitschnitt von der Radiosendung liest Martin Piekar passend zu Karl Marx das Gedicht „An die Kinder des Lichts“ vor. Im weiteren Verlauf folgen Auszüge aus dem Langgedicht „Ahab“. Auf der Webseite Lyrikline findet ihr eine Auswahl an Audiopodcasts mit Gedichten und Lyriktexten, die vom Autor selbst eingesprochen wurden. Man kann diese leider nicht in andere Artikel einbetten, wir haben hier aber ein separates Audio mit den Gedichten [dass es abstrakter ist], [Die Stille von Schnee], Hauptbahnhof Frankfurt am Main I – IV, Löwe Mojito, Kochanie on the Rocks, [Ich bin kein ElitePartner], Cyberschlafstörung und un über Beat bar. Die jeweiligen Einzelaudios und Texte dazu findet ihr über die verlinkten Titel oder hier: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/dass-es-abstrakter-ist-12358#.WtNNA38uCUk

INTERVIEWAUSZUG: Martin Piekar zu seinem neuen Buch Amok PerVers

„Es ist gleichzeitig Amok pervers und Amok per Vers. Weil es Gedichte sind, die ausrasten und die Kontrolle verlieren. Die manchmal sehr zärtlich sind und die dann beim nächsten Moment explodieren können. Die ganz explosionsartig sich verhalten und ich glaub das Wichtige dabei war für mich auch, zu zeigen, dass Lyrik auch unkontrolliert sein kann. Weil Poesie eigentlich die stärkste Kontrolle auf kleinstem Raum ist. Und als Dichter muss man sich dabei immer fragen, wie sehr darf ich mich eigentlich gehen lassen? Wie sehr darf ich meinen eigenen Text eigentlich gehen lassen und wie sehr muss ich ihn überhaupt tausendmal überarbeiten und überschatten und mir Gedanken darum machen? Und meine Idee war einfach – und das hängt dann auch mit dem Politischen zusammen – in Zeiten, in denen wir jetzt leben, in denen junge Menschen auch wie ich eine eigene politische Stimme finden wollen und auch müssen, ist es manchmal zum Ausrasten, weil wir in einer völlig wahnsinnigen Welt leben und auch gar nicht mehr wissen, was Wahrheit ist und ob das überhaupt jemals existiert hat. Was wir jetzt politisch haben, das ist eine ganz andere Frage. Und dahingehend befassen sich diese Gedichte mit einem ganz persönlichen Bezug zur Gesellschaft und zur Politik und die Frage, wie man dabei nicht verrückt werden kann, ist auch im Raum. Und weil das alles in Gedichten besprochen wird, ist es ein bisschen ein Amok per Vers und auch pervers, weil Gedichte eigentlich kein Amok sind oder für mich nie waren. Ich wollte das unbedingt ausprobieren, ob das klappt.“

 

INTERVIEWAUSZUG: Martin Piekar zur „Wahrheit“

Also natürlich muss man sich dabei auch immer selbst fragen – und das tun die Gedichte ja auch – was denn jetzt die Wahrheit ist. Weil das vielleicht noch nie so schwankend war, wie in diesen Zeiten. Aber es war wahrscheinlich auch noch nie vollkommen klar. Also was Wahrheit ist, ist ein komisches Konzept und wir müssen uns mal so langsam überlegen, was wir machen wollen. Weil Politik auf Gefühlsbasis ist auch irgendwie schwierig, weil das immer extrem wird. Also ein dahingehender Amok. Weil wenn wir Politik auf Gefühlsbasis betreiben, dann laufen wir irgendwann Amok. Ich hab mich schon öfter gefragt, warum ich nicht einfach ausraste bei bestimmten Entscheidungen, die Regierungen treffen, die paramilitärische Gruppen treffen oder die Terrororganisationen treffen. […] Da ist es auch wichtig, das mal sprachlich durchzugehen: Was bringt mich eigentlich zum Ausrasten. Welche Themen schaffen es, dass ich durchdrehe. Dass ich vollkommen die Kontrolle verliere und durchdrehe. Da war die Idee, das in Gedichte zu packen, weil das eigentlich die größte Kontrolle haben muss. Und dabei auch mit dieser Spannung zu spielen, mit dieser Ambivalenz.“

KOMMENDE LESUNGSTERMINE:

19. April  –   Berlin, Ausland
20. April  –  Berlin, #verlagebesuchen, Verlagshaus Berlin
26. April  –  Ulm, Literaturwoche Donau
13.   Mai   –  Essen, Katakomben-Theater im Girardet Hauszusammen mit Magda Lena Schlott
17.   Mai   –  Frankfurt am Main, Milchsackfabrik
7.  Juni   –  Wien, Buch im Beisl

KLAPPENTEXT – „Bastard Echo“: Ein Gewitter aus heiterem Himmel ist dieser Debütband. Martin Piekars Gedichte drängen mit leidenschaftlicher Kraft an die Oberfläche, um sie durcheinanderzubringen, und scheuen dabei den Vergleich mit Büchner, Nietzsche und Bukowski nicht. Hier manifestiert sich eine neue, markante Stimme der jüngsten Gegenwartslyrik, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Auf Kredit ist die Nacht eine Wand. Ich schreibe sie voll. Vielseitig inspiriert, etwa von Dalís Gemälden oder der Ästhetik der Gothic-Szene, lässt Piekar seine impressionistische Bildsprache wilde Formen auf das Papier werfen. Das Suchende, noch ohne festen Platz Stehende wird dabei offen thematisiert: Sprache, Verständnis, Missverständnis und die Schwierigkeiten, die es bedeutet, eine eigene Sprache zu finden, sind die Hauptthemen in seinen Gedichten. Ein Ich, das sich als inkompatibel mit tradierten Diskursen der Ästhetik erweist, lodert in diesem Band, ein Ich, das es von ätherischen Höhen bis zum Dixie-Klo treibt, und es schafft, Verbindungen zwischen vordergründig Disparatem zu schaffen. Wild, trotzig und ungezügelt ist dieses lyrische Ich – suchend, aber mit dem festen Entschluss, Antworten zu finden – im Leben und in der Kunst.

KLAPPENTEXT – „Überschreibungen“: Hans Hektor, der neue Protagonist Jan Kuhlbrodts, geht in Überschreibungen durch ein zerfallendes System, die Wende und die Zeit danach. Der souveräne Ton, der in seiner Lakonie zur Prosa neigt, ist keine Beobachtung – Hans Hektor ist immer schon Teil des Ganzen. Kommentiert wird seine Melancholie und Kritik, die schon lange ins Leere geführt hat, von einem jüngeren Autor – Martin Piekar. Der Jüngere kommentiert mal schroff, mal wortkarg, mal schlägt er um sich. Am Ende steht ein Du: Der jüngere verzieht sich aus seiner Schreibstube und wendet sich direkt an den älteren Erzähler: Auch wenn die Ebenen unterschiedlicher nicht sein könnten, dass hier ein notwendiges Gespräch geführt wird, ist sicher.

KLAPPENTEXT – „Amok PerVers“: Martin Piekar spricht in seinen Gedichten eine radikal subjektive Sprache, die sich ihrer prägenden Strukturen in jedem Moment bewusst ist. Seien sie sprachlich oder gesellschaftlich: Er stellt sie aus, schlachtet sie aus, schreibt gegen sie an und bewegt sich so zwischen Privatem und Politischem. Nach Bastard Echo ist AmokperVers Piekars zweiter Gedichtband im Verlagshaus Berlin. Wenn Piekar in AmokperVers nach oben schaut, sieht er Wolkenformationen, Wolkenform-nationen, Wolkenformrationen – Deklinationen der Alltagssprache, ihrer Abgründe und ihrer Implikationen. Die Gedichte schreiten durch Frankfurt am Main, durch Proteste, Bankenviertel, durch ein Koma, durch einen Amok und enden im Tollhaus. Wie kann man nicht verrückt werden, wenn es so bequem ist? Piekars Wirklichkeit ist immer schon digital, aber nie vermittelnd, sondern schonungslos. Er schreibt über Sexualität, Politik, Angst – und nichts davon ist abstrakt. So bennent AmokperVers die Gegenwart und schreibt sie um in ein Netz aus Begrifflichkeiten, die sich mal wütend, mal emotional, mal zärtlich geben. Niemals aber neutral.

Wie Distanzen welken
– Gedicht zum Gemälde „Sternennacht“ von Vincent van Gogh, Öl auf Leinwand, 1889

Die Nacht mäandert wie ein Schal
Um die Firnis des Mondes
Paar Sterne schnuppern hinaus
In die Welt sie schneiden
Mein Sichtfeld sieben mich

Aus letzten Lichtstrahlen wellen sich
Funken sie quellen und ballen sich
In der Stadt Schwaden von Watt
Zerlichten die Milchstraße
Ich verschlucke mich am Weltraum

Zwischen Düsternis und
Zypressen ist keine Hoffnung
Immergrün wirbelnder Wanderer
Spür in meinem Denken schon
Die Erdfortziehungskraft

Ein Melancholiker ernährt sich von Bojen
Im Vergnügen können Diäten
Tödlich sein doch in den Sternen denen ich
Plötzlich beinah bin steckt derselbe Taumel
Wie im Ungestümen

Nicht wie eine Sanduhr, die man umdreht
– Gedicht zum Gemälde „Die Metamorphose des Narziß“ von Salvador Dalí, Öl auf Leinwand, 1937

Wie du dich aus deiner Zwiebelwurzel pellst
Narzisse ­
Im Fluss gespiegelt. Du bist tiefer.
Dich, dich selbst
In deiner Hand. In deinem Rücken
Die Nackten, die Tänzer. Fernab.

Und nur
Der Sieger bleibt dem Schachbrett
Der Liebe erhalten. Allein.
Wenn du dich selber liebst,
Kannst du nicht siegen, dann
Wärst du ebenso Verlierer.

Fels in der Brandung deiner
Psyche. Was brauchst du Menschen,
Was Berge, was Spiele? Einen Spiegel
Der Lust brauchst du; Verführer –
Schau nicht zu tief ins
Flussbett.

Du hast dich in dich selbst verliebt,
War niemand sonst für dich
Da? Du liebst
Dich selbst. Und. Die Zeit steht
Still. Für dich.
Deine Beziehung, blüht stagnierend schön.

Für und wegen Franzy

Katastrophentourismus

Bystander sind, glaub ich
Immer
Auf der Pirsch nach Haptischem
Ohne je den Fassbeweis zu wagen
Der Unfall scheint
Ein Neglige zu tragen und ihr
Wollt einen Lupfen, einen
Windzug von Entblößung

In dieser Schreckenspornographie
Hat nicht ein Kopf den Kopf
Zu helfen und das ist die Ausrede für
Eure Behinderung
Ihr Dickichtgesichter

Ihr schiebt den Atem des Unfalls euch rein
In eure offenen Schlünde
Wie eine blue-ray-disk, so gierig auf
Slowmotioneffekte oder Standbild in
Real definition

Ich bin euer Voyeur, beim Vorbeifahrn
Nur mein Fetisch ist
Euch zu verachten,
Es erregt und beruhigt mich
Zugleich ein bisschen

INFOTHEK

Webseite: https://martin-piekar.net/
Email:  Onlinekontaktierung
Verlag: https://verlagshaus-berlin.de
Eingesprochene Gedichte: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/dass-es-abstrakter-ist-12358#.WtNNA38uCUk
Profil bei Faustkultur: http://faustkultur.de/1007-0-Martin-Piekar.html#.WrpiHH8uCUk
Profil bei Literaturport: http://www.literaturport.de/Martin.Piekar/
Profil bei Poetenladen: http://www.poetenladen.de/martin-piekar.php

 

CREDITS

Fotografin Charlotte Werndt
Facebook Fotoraupe:  https://www.facebook.com/Fotoraupe/

 

BUCHDATEN

Titel: Amok PerVers
Autor: Martin Piekar
Illustrator: Robin Wagemann
ISBN:  978-3-945832-25-7
Verlag: Verlagshaus Berlin
Preis: 15,90  Euro
Online: https://verlagshaus-berlin.de/programm/amok-pervers/

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