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Vitra Design Museum. Quelle Vitra Press
 

Der Vitra Campus und warum es hier nicht nur um Stühle geht.

Stühle? Ja – um Stühle geht es auf dem Vitra Campus auch…

Es stimmt schon: Vitra hat die weltweit größte Sammlung von Stühlen – ganz abgesehen von denen, die das Unternehmen selbst herstellt. Wer allerdings glaubt, es gehe in der Firma nur um Stühle und um nichts anderes, der liegt ganz, ganz falsch! Wer sich dem Vitra Campus in Weil am Rhein nähert, der sieht als Erstes alles Mögliche, nur keine Stühle. Statt dessen steht er zuerst einmal vor Häusern, die ganz merkwürdig aussehen. Es dauert eine Weile, bis sich der Betrachter „eingesehen“ hat und diese seltsame Architektur zu schätzen beginnt. Dann allerdings kann er sich der Anziehungskraft dieser Gebäude nicht mehr entziehen. Kein Wunder, stammen sie doch von einigen der berühmtesten Architekten der Welt. Und ja: einer von ihnen hat auch Stühle entworfen.

Aber „first things first“, wie es in dem Film heißt, mit dem sich die Firma auf ihren Seiten im Internet vorstellt: Willi Fehlbaum war gerade einmal zwanzig Jahre alt, als er mit seiner Frau Erika ein Ladenbaugeschäft in Birsfelden bei Basel übernahm. Auf einer USA-Reise 1953 entdeckte er – richtig: einen Stuhl. Dieser Stuhl faszinierte ihn derart, dass er beschloss, selbst Stühle zu produzieren, und natürlich besonders diesen einen. Er bemühte sich um die Lizenz und erhielt sie. Damit begann eine lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit mit einer Frau und einem Mann, nach denen heute in Weil am Rhein zwei sich kreuzende Straßen benannt sind: Charles und Ray Eames. Beide sind noch heute weltberühmt, nicht nur wegen der Bauten, die der Architekt Charles Eames entwarf, sondern auch wegen der Möbel, die beide konzipierten. Ihr Lounge-Chair, zu Teilen aus unter Dampf und Druck verformten Sperrholzplatten gefertigt, ist bis heute ein Klassiker im Möbelbereich, viel nachgeahmt, aber nie erreicht. Insgesamt hat das Ehepaar das US-amerikanische Nachkriegsdesign maßgeblich beeinflusst. Wer sich näher mit ihrer Arbeit bekannt machen will, braucht aber nicht in die Staaten zu fliegen. Es genügt, nach Weil am Rhein zu fahren. Dorthin hatte Willi Fehlbaum 1950 seine Produktionsstätte verlegt. Die Charles-Eames-Straße Nr. 2 ist der deutsche Sitz der Firma, die ihren Hauptsitz nach wie vor in der Schweiz im Großraum Basel hat. Stühlen des amerikanischen Architekten und Designers kann übrigens auch ein Berlin-Besucher begegnen: auf ihnen nehmen mehr oder weniger täglich die Bundestagsabgeordneten Platz, wenn das Plenum tagt.

Auf dem Glände in Weil werden aber nicht nur Stühle produziert, und wenn die auch noch so berühmt sein mögen. Tatsächlich baut das Familienunternehmen die in den 50-er Jahren erstmals hergestellten Sitzgelegenheiten bis heute.

Es geht aber um mehr als um Stühle. Das Schweizer Unternehmen baut Wohn- und Büromöbel und ist nach wie vor im einstigen Stamm-Geschäft, dem Ladenbau tätig. Aber die Fehlbaums, sowohl Willi und Erika als auch ihre Söhne Rolf und Raymond und inzwischen Rolfs Tochter Nora hatten schon immer ein weiteres Blickfeld als andere. Es war Rolf Fehlbaum, der anfangs der 80-er begann, zu sammeln. Er sammelte – na, was wohl? Richtig! Aber nicht nur. Die Sammlung umfasste von jeher vielerlei „Möbel der Moderne“. Bald war sie so groß, dass ein eigenes Gebäude dafür her musste, inzwischen mit dem „Schaudepot“ sogar ein zweites. Ausgerechnet ein Brand, dem 1981 ein Großteil der Produktionsräumlichkeiten zum Opfer fiel, bot den Anlass, das zu entwickeln, was der Besucher heute als Vitra Campus kennenlernt.

Den Fehlbaums ging es nie um einzelne Möbel. Für sie sind Wohnen und Arbeiten und der Öffentliche Raum eine Einheit, und die braucht Gestaltung. Folgerichtig mussten für die Errichtung neuer Gebäude auf dem Gelände in Weil Architekten her, deren Philosophie zu derjenigen der Fehlbaums passte. Einfach vier Wände und ein Dach drauf? Nee! Der Amerikaner Frank Gehry, ausgezeichnet 1989 mit dem wichtigsten Architekturpreis der Welt, dem Pritzker-Preis, durfte sich mit der Errichtung eines Design Museums ebenso auf dem Gelände austoben wie Zaha Hadid 1993 mit ihrem Feuerwehrhaus, das heute für Ausstellungen genutzt wird. Auch sie hat, als erste Frau übrigens, 2004 den begehrten Pritzker-Preis erhalten. Gehry hatte sich schon zehn Jahre vor dem offiziellen Beginn der „Stilrichtung“ einen Namen gemacht, als er mit seinem Wohnhaus das erste „dekonstruktivistische“ Haus der Welt baute. Ebenso dekonstruktivistisch hat er das Design-Museum entworfen, vor dem der Besucher so verblüfft steht, wenn er zum ersten Mal hierher kommt. Aus dem einheitlich durchgestylten „Masterplan“ des zuerst engagierten Nicholas Grimshaw machte er kurzerhand eine Collage. Tatsächlich finden sich auf dem Firmengelände mit seinen Produktionshallen, den Museen und dem Schaudepot so viele so unterschiedliche Bauwerke, dass von einer Einheit keine Rede sein kann, eher schon von einem Puzzle. Alles andere wäre den Besitzern auch zu langweilig gewesen.

Auf dem Campus, auf dem viel mehr stattfindet als Möbelherstellung, geht es um die Verschmelzung von Wohnen und Arbeiten. Für die Fehlbaums ist beides nicht voneinander zu trennen. „Und wir interessieren uns für Ergonomie, Ökologie, Logistik und Qualitätssicherung nicht weniger als für die Anthropologie des Wohnens und Arbeitens“, schreibt Rolf Fehlbaum 2008 in einem Beitrag, der unter „www.vitra.com“ nachgelesen werden kann, und der das Projekt anschaulich erläutert.

Auf eines legen die Schweizer großen Wert: darauf, dass jedes ihrer Produkte ein Original ist, mit einer eigenen Geschichte. Dass es wirklich so ist, ist den Designerinnen und Designern zu verdanken, die hier arbeiten. Für die Firma sind sie nicht einfach Mitarbeiter mit kreativer Gestaltungskraft, sondern „Autoren“. Sie sind es, die dafür sorgen, dass Geschichte und Gegenwart des Designs in Beziehung tritt zu Architektur, Kunst und Alltagskultur. So kommt es, dass nicht einfach nur Möbel die Produktionshallen in Weil verlassen, sondern dass daneben jährlich bis zu zehn Ausstellungen stattfinden, teils im Museumsbau von Frank Gehry, teils im Schaudepot von Herzog & deMeuron und an anderen Orten auf dem Campus. Viele von ihnen gehen als Wanderausstellungen in die ganze Welt.

Ein schönes Beispiel für die Firmen-Philosophie ist – natürlich wieder einmal ein Stuhl. Dessen Prototyp hatten Willi und Rolf Fehlbaum Ende der 50-er Jahre bei dem dänischen Designer Verner Panton gesehen. Der Entwurf war so „abgefahren“, dass niemand sich das Ding herzustellen traute: freischwingend, aus einem Stück, aus kaltgepresstem, fiberglasverstärktem Polyester. Die Fehlbaums nahmen sich der Sache an. Heute wird es kaum einen Menschen geben, der diesen Stuhl nicht kennt.

 

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