WELCOME TO TAB #8 ART MARKET

Die Kaiserpassage im Frankfurter Bahnhofsviertel: Ein halbwegs versteckter Mix aus Hinterhofpassagen verbindet hier seit den 70ern die Kaiser- und Taunusstraße miteinander. Der erste Eindruck von außen mag etwas schäbig daherkommen, doch betritt man das gassenartige Einkaufszentrum, läd der intensive Duft indischer, afghanischer und pakistanischer Gewürze zum exotischen Bummel inmitten des städtischen Rotlichtviertels. Als würde man in einen Basar stolpern, tummeln sich hier internationale Läden mit kulinarischen Besonderheiten, glitzernden Textilien, technischem Schnickschnack und einem Charme wie aus dem Orient itself.

TAB – Taunustraße Arts und Bites – ist eine Initiative von Gastronomen, Künstlern und anderen Kreativen, fokusiert auf die Vielfalt der Straße im Bereich der Kunst und Küche. Die Kaiserpassage ist derzeit noch Schauplatz des TAB Art Markets, einer Veranstaltungsreihe, die unterschiedlichste Künstler in den kleinen Läden ihre Werke präsentieren und verkaufen lässt. Es sind bekanntere wie auch unbekanntere Schöpfer dabei, die sich in der Regel selbst um den Ausstellungsplatz bewerben können. Insgesamt sechs Läden mit meist zwei Etagen werden hier auf unterschiedlichste Weise bespielt. Ich habe den vorletzten Markt in dieser Location besucht, begrüßt vom Duft frisch gebrühten Kaffees, korrekten Sounds, delikaten Snacks und natürlich liebevoll zubereiteten Drinks der besonders witzigen IMA Clique.

Es geht los in Laden 10, der BAY Gallery, die seit rund einem Jahr von Florian Geiger betrieben wird. Er ist selbst ambitionierter Fotograf und möchte seinen Frankfurter Kollegen durch dieses Projekt einen öffentlichen Schauraum im Herzen des Viertels bieten. Die Arbeiten von drei Künstlern sind hier ab heute untergebracht. Der erste von ihnen ist kein anderer, als der namhafte Frankfurter Fotograf Jörg Steinmetz, der unter anderem schon Persönlichkeiten wie Michael Wollny, Patti Smith, Die Ärzte, Alanis Morissette, Juergen Teller, Janet Jackson, Klaus Voormann und die Oasis-Brüder Liam und Noel Gallagher abgelichtet hat. Es sind überwiegend Portraits ausgestellt, ausdrucksstarke Gesichter, großteils in Schwarz-Weiß. Sie wirken sehr natürlich auf mich und nicht künstlich inszeniert. Roger Willemsen, der übrigens auch unter den Portraitierten zu finden ist, widmete dem Fotografen folgende Worte: „Jörg Steinmetz hat diesen Blick, der dem Gegenüber noch in der ausgesetzten Situation seinen Schutz lässt. Wohl wissend, wie selten, wie fast unmöglich es ist, Gegenwart herzustellen, reine Gegenwart, present tense, ermöglicht er den Menschen vor seinem Objektiv Subjekt zu sein, ganz Subjekt, herausgelöst aus der Pose, entrückt dem Effekt.“


 

Ein Stockwerk höher sitzt Thorsten Fuchs und lächelt mich an. Er erzählt mir, er fotografiert schon seit zwanzig Jahren, seit er zwölf Jahre alt war. Seine Bilder gefallen mir sehr gut, sie sind hauptsächlich auf Reisen entstanden und zeichnen sich durch eine sehr weiche und gleichzeitig klare Bildsprache aus. Mir fällt viel Blau auf, viel Landschaft, Wasser, Himmel und Sommer. Auf dem Boden liegt ein üppiger Katalog zum Durchblättern. Fuchs teilt sich die Etage mit der Grafikdesignerin und Illustatorin Nadine Kolodziey, über die wir im Rahmen ihrer Ausstellung „Sandwich Maker“ hier schon einmal berichtet haben.


 

Weiter geht’s nach nebenan, in Laden 11, in die STREETSOULgallery. Zwischen den bunten Schildern und Grafiken im ganzen Laden fällt mir direkt der entzückende gold- und bronzefarbene Schmuck von ALMA Frankfurt auf, den ich schon mal auf einer anderen Veranstaltung konzentriert angegeiert hab. Die Designerin selbst ist heute nicht da, dafür die sympathische Conny, aber netterweise treffe ich sie noch im Laufe des Tages an ihrem Parallel-Stand auf dem Night-Market im Tanzhaus West. Der Schmuck spielt unter anderem mit geometrischen Formen und ist eher minimalistisch orientiert. Wie ich finde, ein ziemlich zeitloser Stil, wenn ich wählen müsste eher modern, kombinierbar sowohl mit ’ner lässigen Jeans, als auch mit nem edlen Abendfummel. Oben drüber gibt’s Getränke und Mukke, serviert von der Pracht Crew.

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Der nächste Herr, mit dem ich mich unterhalte, ist der in Köln lebende Georg Schmitt in Laden 12. Er stellt seine „Sugar Cubes“ aus, die sich als Reproduktionen gefärbter Zuckerwürfel begreifen lassen. Da solche Originale extrem teuer sind, wollte er mit diesem Projekt etwas ähnlich Plastisches erschaffen, dass jedoch kein Vermögen zum Erwerb abverlangt. Die bunten, irgendwie grafischen Kompositionen mit einer Art Pixel-Charakter tun sich gut an den weißen Galerie-Wänden, eignen sich aber auch wunderbar für heimische Einrichtungen.


 

Im Schaufenster stehen außerdem verspielte Cannics von Max Zimmermann, und ein Stockwerk drüber treffe ich Karin Rosemarie Bleser. Sie fotografiert ausschließlich mit Polaroid in ihrer näheren Umgebung. An der Wand hängt eine Reihe kleiner, weiß gerahmter Bilder, die wie Ausschnitte auf mich wirken. Die Künstlerin erklärt mir, ihr Kernthema bilden vorallem Gegenstände wie Spiegel und Lampe, wie aus der Serie hervorgeht. Zu sehen sind sozusagen Bildteile, in denen auch das nicht Sichtbare effektiv mitwirkt. Die größeren Arbeiten sind zerstörte Polaroids, die durch die Reduktion abstrakt geworden sind. Der Betrachter sucht sich das durch diesen Behandlungsprozess neu entstandene Bild sozusagen selbst aus.


 

Ich mach mich weiter in Laden 14. Hier gibt’s unterschiedliche Arbeiten von Tiago Vaz zu sehen, einem Designer und Illustrator, der ursprünglich aus Portugal kommt aber im schönen Frankfurt lebt. Cartoon-artig hat er berühmte Visagen wie Mona Lisa oder Homer Simpson interessant und sehr surrealistisch neu interpretiert und auf Bechern, Beuteln und anderen Gegenständen platziert. An der Wand hängt eine Gesichtsvorlage mit austauschbaren Teilen, die die TAB Besucher beliebig umgestalten können. Davor stehen zwei amüsierte junge Leute, die mich fragen, ich auch mal will. „Wir machen das bestimmt schon seit zwei Stunden und es macht immer noch Spaß“, lachen sie.

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Desweiteren hängt hier einiges von Rushy Rush alias White Sneaker alias HUCKLEBERRY FINN, einem original Frankfurt Intercity Surpreme Artist, der diverse Verbindungen zu Subkulturen in seinen Arbeiten zur Hochkultur vereint. „Rushy ist Meister der Ästhetik, Adaption, Performance und Pose. In seinen selektiv installativen Kompositionen fließen Malerei, grafische Elemente wie Print und Typografie, Skulptur und Zweckentfremdung ineinander.“ Die hier präsentierte Sammlung zeigt einen Mix der letzten zehn Jahre, mit dabei Exponate aus RushyWallets, Wonderlamps und AcrylOnPlasma.

Auch MAGGOWITSCH WITTBRONSKY (Marc Wittenborn) ist hier vertreten, der interdispiplinär unterwegs ist: Fotografie, Grafik, Malerei, Musik und Film stehen bei ihm auf dem Programm. Im Laden zeigt er Auszüge aus dem Serien Morphologica und Deconstruct. Da hätten wir beispielsweise Acryll und Airbrush auf Leinwand, Fotografien, Lightpaintings und Fine Art Prints.

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Laden 16. Letter Gebretter von FUEGO FATAL. Der Mann heißt eigentlich Jorge Labraña und steht auf alles rund um Buchstaben: Durch Texten, Konzeptionieren, Sprühen und Lettering lässt er Worte und Aussagen zu Bildern werden und Buchstaben zu Themen. Seit einem Jahr tobt er sich in seinem STUDIO FATAL ordentlich aus, spielt mit Buchstaben, Texten, Farben und Formen. Die Ausstellung präsentiert Originalbilder und Leinwanddrucke von stilisierten Lettern und geletterten Stilen, die sowohl innerhalb des Kontext, als auch mit dem Publikum kommunizieren. FATAL „schreibt, um Dinge nicht sagen zu müssen, und sagt, was eigentlich nicht gesagt werden müsste.“

Nebenan hängen dunkle Fotografien von Dorian Diefenbach. „Frankfurt Noir“ heißt diese Serie, sie wird ihrem Namen eindeutig gerecht. Im Fokus stehen Motive aus der städischen Architektur, aufgenommen aus ungewöhnlichen Perspektiven und ausgezeichnet durch experimentellen Umgang mit Licht und Schatten. Die Bilder sehen irgendwie unwirklich aus und ein bisschen nach Apokalypse, aber sie sind nicht am Rechner komponiert worden.

Gegenüber befindet sich eine Reihe von Fotos, die den Niedergang von Gebäuden dokumentieren, welche von kultureller Bedeutung für die Stadt waren. „BOOOM“ ist auf Thomas Gessner aka Hoodlens zurückzuführen, ein Frankfurter Kommunikations-Designer und Fotograf. In seinem Beruf als Creative Director für Red Bull betreut er die Entwicklung internationaler Kampagnen und ist daher für unterschiedliche Produktionen auf der ganzen Welt unterwegs. Daneben fotografiert er gerne Situationen abseits des Alltäglichen, unkonventionelle Motive und besondere Augenblicke, wie eben die Sprengung des AFE-Turms, den Abriss des Sudfass im Ostend oder der alten Batschkapp.


 

Immer weiter, rauf zu Hazki, der vollständig Michael Hazkiahu heißt. Die großen, kaleidoskopischen Aufnahmen kommen mir irgendwie bekannt vor. Schnell wird mir klar, dass hier ebenfalls auffällige Frankfurter Gebäude abgebildet sind. Grafisch de- und rekonstruiert, finden sie eine neue Gestalt in Form von Collagen mit einer Art organischen Struktur. Dabei ist zum Beispiel der Silberturm oder auch Silberling genannt (hängt ausnahmsweise in Laden 14), der Elfenbeinturm, das Lindner Hotel am Main und der Europaturm. Hazki ist in der Stadt längst bekannt, unter anderem durch seine Logos, Anzeigen, Kampagnen und Aktionen.

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So. Kommen wir also zum letzten Laden der TAB Reihe, Nummer 17. Links hängen ein paar abstrakte Bilder, schöne Farben, schöne Textur. Die Materialität der (vermutlich) Acryllfarbe kommt hier durch eine Art Schichtenmalerei (schätze ich) zustande. Rena Reiner ist leider heute nicht da, sonst hätte ich sie gerne gefragt. Ihr Stil gefällt mir auf jeden Fall gut, erinnert mich ein bisschen an den von Gerhard Richter.

Zum Glück ist Markus Elsner da und kann mir ein bisschen was über seine Fotografien erzählen. Seine Motive sind vielseitig, von Portraits über Akt hin zu Stadt- und Landschaften hat er alles mitgebracht. Die Bilder enstanden an verschiedensten Orten, unter anderem in den USA, Frankfreich, China, Großbritannien, Russland, Indien und Australien. Auch Elsner fotografiert hauptsächlich mit Polaroid und spielt in der Nacharbeitung mit chemikalischen Prozessen. So könnte man meinen, man stände vor einem impressionistischen Ölgemälde, dabei handelt es sich um ein behandeltes Polaroid. Als ich ihn fotografiere, schießt er ganz frech ein Gegenfoto von mir.

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Zu guter Letzt möchte ich noch die zeitgenössischen Malereien von der lieben Susanne Kirsch vorstellen, die sich im oberen Geschoss eingefunden hat. Es ist ihre erste Ausstellung erfahre ich, ihr Thema ist einfach gesagt die Farbe an sich. Betritt sie ihr Atelier, legt sie einfach intuitiv los, die Beziehungen zwischen Formen und Flächen entstehen dabei auf ganz natürliche Weise. Es sind große Leinwände, auf denen vorallem viel Hellgrau mit Tönen aus Blau, Gelb und Rot funktioniert. Insgesamt finde ich den Stil sehr modern, hier und da entdeckt man figürliche Silhouetten, ansonsten eher geometrisch orientierte Formen wie Kreise, Ovale und Vierecke.


 

Wer Interesse daran hat, Kunst jenseits der kommerziellen Szene zu entdecken, der ist auf dem TAB Art Market auf jeden Fall richtig. Die Kaiserpassage wird zum Bedauern aller leider nicht mehr lange als Spot dienen können, weil die Stadt nach 30 Jahren lieber einen Tegut dort hinpflanzt, aber Frankfurt bietet natürlich alternative Möglichkeiten, dieses spannende Projekt aufrecht zu erhalten. Das entspannte Cliente der Veranstaltung ist vorallem auf die allesamt sympathischen Menschen zurückzuführen, die an dem Ganzen TAB Spektakel teilhaben. Auch für die entsprechende musikalische Untermalung wurde durchgehend gesorgt, nicht zuletzt durch die stilvolle Live-Session von Tom James aus dem Vereinigten Königreich.

Aktuelle Infos zu Veranstaltungen im Bahnhofsviertel findet ihr hier.

Fotos:
Selini Müller

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