Review: Die „Pioniere des Comic“ in der Schirn

Mit Comics hab ich mich bisher noch kaum auseinandergesetzt, deshalb war ich gestern mal auf Mission in der Schirn unterwegs, um mir die aktuelle Ausstellung „Pioniere des Comic – Eine andere Avantgarde“ anzuschauen, die vom 23. Juni bis 18. September läuft. Comic-Hefte, wir sie heute kennen, gibt es so erst seit den späten 1930ern. Aber schon 1879 erschienen die ersten Comics zur Unterhaltung in Zeitungen und gelten als erstes Bildmassenmedium der Geschichte. Die Ausstellung widmet sich sechs ausschlaggebenden Vertretern dieser Kunstform, die mit ihren neuen Darstellungsweisen locker mit den Bildenden Künstlern ihrer Zeit mithalten konnten.

Kurzer Zwischenfunk: Wer in letzter Zeit mal in der Gegend der Schirn war, dem ist mit Sicherheit aufgefallen, dass die Rotunde im Eingangsbereich gerade Teil einer Installation geworden ist, sie ist nämlich komplett gelb ausgeleuchtet. „The Schirn Ring“ geht auf Peter Halley (*1953) zurück, der in den 80ern durch seine neonfarbenen, geometrischen Gemälde bekannt wurde und in den 90ern anfing, ortsspezifische Installationen für Galerien und den öffentlichen Raum zu gestalten. Sie entstehen auf Basis seines kulturellen und architektonischen Verständnisses, so wollte Halley hier beispielsweise die Rotunde als eine Art energiegeladenen Teilchenbeschleuniger darstellen. Betritt man dann die umlaufende Galerie im ersten Stock, durch die man eigentlich so nett nach draußen schauen kann, überfällt einen das Gefühl der Desorientierung. Die Scheiben sind verdeckt, die Wände komplett übersät mit digitalen Prints computer-gezeichneter Studien und das Ganze in der Komplementärfarbe zum draußen angelegten Gelb: Blau. Der kreisförmige Gang steht komplett unter Schwarzlicht.

 

So. Das mal am Rande, weiter geht’s zu den eigentlichen Objekten meiner Begierde, den Comics im zweiten Stock. Auf der Treppe zeigt mir ein kleiner Dude an der Wand nochmal den Weg in die Ausstellung. Hereingekommen begrüßt mich ein Kurzfilm. Der vorerst schwarz-weiße Streifen, der von halbhektischen Klavierklängen musikalisch untermalt wird, zeigt auf humorvolle Weise den amerikanischen Künstler Winsor McCay (1869-1934), der beschließt aus tausenden Zeichnungen in monatelanger Arbeit einen bewegten Comic zu entwerfen, welcher den zweiten Teil des Filmes bildet. McCay ist der erste Pionier, den ich euch vorstellen möchte, der Urvater, sozusagen, und derjenige, der 1911 außerdem den ersten relevanten Zeichentrickfilm der Geschichte produzierte. In seinen Arbeiten zentriert er surrealistisch anmutende Traumszenen, wie beispielsweise in der Serie „Little Nemo in Slumberland“. Darin wird der kleine Junge Nemo jede Nacht im Traum von König Morpheus’ Vasallen ins Schlummerland geholt, um mit der Prinzessin zu spielen (familientauglich). In den Folgen „Dream of a Rarebit Fiend“, die eher für Erwachsene ausgelegt sind, gibt es dagegen keine Titelfigur: Immer neue Protagonisten werden im (Alb-)Traum von ihren Alltagsproblemen heimgesucht. Auch ausgewählte Szenen des Animationsfilms „Gertie The Dinosaur“ von 1914 sind zu sehen.

 

Der nächste herausragende Zeichner ist Lyonel Feininger (1871-1956), der in New York aufwuchs und später an den Kunsthochschulen in Berlin und Hamburg studierte. Lange Zeit, genauer gesagt 15 Jahre, arbeitete er als Illustrator und Karikaturist für Berliner Humormagazine, bis er 1906 vom Verlag „Chicago Tribune“ für Comic-Strips engagiert wurde. In „The Kin-der-Kids“, angelehnt an Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“, wird eine Gruppe Kinder von Tante Jim-Jam über Meere und Kontinente gejagt, während der kleine Junge in „Wee Willie Winkie’s World“ als ein Alter Ego Feiningers die Welt melancholischer Verträumtheit hinterfragt. Diese Serien ermöglichten Feiniger den Aufbau einer künstlerischen Unabhängigkeit, die ihn schließlich in sein eigenes Atelier nach Paris brachte. Sein großes Thema war „Die Stadt am Ende der Welt“, das er bereits in seinen Comics anfing auszuformulieren und in seinen späteren Gemälden weiter erforschte.

 

Charles Forbell (1885-1946) zeichnete nur eine einzige Serie namens „Naughty Pete“, eine 18-seitige Sonntags-Reihe, die 1913 im „New York Herald“ publiziert wurde. Im Gegensatz zu den anderen Karikaturen und Illustrationen, die man von Forbell kennt, zeichnen die Comics sich durch spezifische Anwendung von Farbe und Layout aus. Die Kompositionen, die gleichermaßen abstrakt wie komplex daherkommen, sind auch deshalb so avantgardistisch, weil Amerika zu dieser Zeit noch keinen Anschluss zur Moderne geschaltet hatte.

 

Einer der ersten, der das Milieu der Mittelklassenfamilie in den Comic einbezog, war Cliff Sterrett (1883-1964) mit seinem Hauptwerk „Polly and Her Pals“. Die Bilder erzählen die Geschichte vom Ehepaar Perkins und ihrer extrem umschwärmten Tochter Polly. Wie sich der Fokus auf den Alltag der Familie ändert, tut das auch die Art der Darstellungen: Perspektiven kommen ins Wanken, Häuserzeilen biegen sich im Wind, Wände und Böden sind von geometrischen Mustern überzogen und psychedelische Pflanzenwelten kommen zum Vorschein. Zurückzuführen ist dieser Stilmix aus Expressionismus und Formen auf Sterretts Umzug in die Künstlerkolonie von Ogunquit in Maine, wo er mit reichlich bildenen Künstlern und Walt Kuhn, also der europäischen Avantgarde, in Kontakt geriet.

 

Der einzige dieser Herrschaften, der von seinem Verlag eine Anstellung auf Lebenszeit erhielt, war George Herriman (1880-1944). Das gewährte ihm die enorme künstlerische Freiheit, eine ganz eigene, teilweise absurde Erzähllogik zu formulieren. Der Comic „Krazy Kat“ handelt von einer Katze (Krazy) , die in eine Maus (Ignatz Mouse) verliebt ist. Die Maus äußert ihr Desinteresse eigentlich ganz deutlich, indem sie der Katze einen Stein an den Kopf wirft, aber diese missinterpretiert diesen Akt wiederum als Zeichen der Zuneigung. Als wäre das nicht schon genug emotionales Chaos, gibt es da auch noch einen Hund (Officer Pupp), der unglücklich in die Katze verliebt ist und deshalb versucht die Maus wegen des Steinwurfs ins Gefängnis zu bringen. Die Serie ist als eine Art Vorläufer für spätere Comics wie Tom und Jerry oder Micky Mouse zu verstehen. Dadurch, dass er nicht nur in den Sonntagsseiten, sondern auch im Feuilleton abgedruckt wurde, erreichte er ein begeistertes Publikum, das unter anderem den amerikanischen Präsidenten und Pablo Picasso umfasste.

 

Last but not least kommen wir zu Frank King (1883-1969). Ab 1921 erschien über mehr als vier Jahrzehnte lang jeden Tag eine Folge seiner Serie „Gasoline Alley“ in den Zeitungen der gesamten USA. Den Held im Comic spielt der übergewichtige Junggeselle Uncle Walt, der am Valentinstag einen Säugling in seiner Türschwelle findet. Die Leser verfolgen in Realzeit angelegt das Heranwachsen des Findelkinds unter der Obhut von Walt in einer amerikanischen Vorstadt. Die Figuren altern sozusagen in Echtzeit Tag für Tag mit den Lesern, sodass sich Parallelen des alltäglichen Lebens feststellen lassen. Auch gesellschaftliche und politische Themen werden aufgegriffen, so wird das Findelkind Skeezix beispielsweise wie die jungen Männer in der Realität als Soldat zum Zweiten Weltkrieg einberufen.

 

Wer also auf Comics steht, der sollte sich unbedingt die Arbeit dieser sechs wegbereitenden Männer ansehen. Und wer nicht, der auch. Wann hat man schon mal die Gelegenheit vor solchen Originalserien zu stehen, die vor rund hundert Jahren entstanden sind? Es gibt viel zu sehen (hier möchte ich noch die großgedruckten Comic-Wände links und rechts im Raum erwähnen) und zu lesen, logischerweise sind alle Comics auf (verständlichem) Englisch. Ich erinnere mich gern an die Frau, die neben mir herzlich über die Nemo-Geschichten lachte und auch den goldigen kleinen Knirps, der mit riesigen Augen den Animationsfilm im Eingang betrachtet hatte. Don’t miss it!

Weitere Infos zu Ort, Eintritt und so weiter findet ihr hier.

Fotos:
Selini Müller,
Schirn PRESSE

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