Ausstellungstipp der Woche: Kader Attia im MMK

Vom Geheimtipp der letzten documenta zum hoch gehandelten Künstler: Kader Attia (*1970), der als Kind algerischer Einwanderer in Paris aufgewachsen ist, legt die Wurzeln verdrängter gesellschaftlicher Fehlentwicklungen offen und will sie mit seiner Kunst reparieren.

Das MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main widmet ihm derzeit vom 16. April bis 14. August 2016 eine Einzelausstellung unter dem Titel Kader Attia. Sacrifice and Harmony, Opfer und Harmonie, deren Werke als direkte Reaktionen auf die großen Krisen unserer Zeit zu verstehen sind. Der Künstler, der heute in Berlin lebt, setzt sich mit darin mit dem Thema „Reparatur“ auseinander und lehnt dabei an kulturelle Erfahrungen an, die den Grundstock seiner Arbeiten bilden. Die Ansicht, dass jede Kultur aufgrund ihrer Traditionen, aber auch durch den Kolonialismus, Migration und Terror unterschiedliche Konzepte des Unbewussten entwickelt hat, ist dabei entscheidend. Die Art und Weise, wie Dinge geflickt werden, ist so ein Hinweis darauf, wie verschiedene Gesellschaften mit ihrer Geschichte umgehen. Dabei unterscheidet Kader Attia zwischen zwei Formen der Reparatur:

Die „traditionelle“ Form, die Materialien nutzt, um Dinge zu nähen, klammern oder anderweitig wieder zusammenzufügen, ohne die Narbe dadurch zu kaschieren. Sie vereinigt verschiedene Entwicklungsstufen und Ideologien unserer Gegenwart, und lässt die Verletzungen, die gleichzeitig die Geschichte des Gegenstands bilden, sowie die Reparatur selbst, sichtbar.

Die andere Form widerum strebt die spurlose Herstellung des ursprünglichen Zustands an. Das Ideal der Unsichtbarkeit und Perfektion steht dabei im Vordergrund, eine Reparatur gilt als gelungen, wenn nichts mehr von der Verletzung sichtbar ist. Die Geschichte des Gegenstands wird dadurch ausgelöscht.

Die zweite Form finden wir in der westlichen Zivilisation wieder: Kaputte Gegenstände werden weggeworfen und durch neue ersetzt, alte Wunden werden versteckt, mit der Hoffnung auch die Erinnerung zu vergessen. Dieser „Reparatur“ durch Verdrängung steht die Heilung durch Konfrontation gegenüber, eine Philosophie der nicht-westlichen Kulturen, die das genaue Gegenteil anstrebt: Der Schmerz wird gezeigt und so lange durchlebt, bis er akzeptiert ist. Die Geschichte wird also hervorgekehrt, nicht zuletzt um aus ihr zu lernen.

Attia, der beide Verständnisformen erlebt hat, folgt der nicht-westlichen Ansicht und versucht in seiner Ausstellung dieses Konzept der Heilung durch Konfrontation umzusetzen. Seine Ausstellung ist eine Art Parcour, der dazu einläd, Erfahrungsräume zu betreten, die sowohl gegenwärtige, als auch historische Konflikte aufgreifen.

Mit Köpfen, die er gemeinsam mit afrikanischen Bildhauern im Senegal geschnitzt hat, erinnert er beispielsweise auf die Verstümmelungen des Ersten Weltkriegs, in einer anderen Museumsnische dokumentieren Zeitungsartikel und Fotos andere einschneidende Ereignisse der Vergangenheit. Betritt man die Ausstellung, landet man zunächst in einem meterlangen Käfig, dessen Dach (ein Gitter) mit Müll bedeckt ist. Diesen Gang gibt es tatsächlich in der Altstadt von Hebron im Westjordanland – unten leben die Palästinenser, oben jüdische Siedler, die ihren Dreck aus dem Fenster heraus auf das Gitter werfen. Ein Akt der Demütigung, nachempfindbar durch diese Installation, die wie im Original die bestehenden ethnischen und religiösen Konflikte durch die horizontale Trennung offensichtlich macht. An einer anderen Stelle setzt Attia der Steinschleuder ein Denkmal, der Waffe des arabischen Widerstands, Symbol für den eigenen Willen gegen ein Leben ohne Würde. Weitergehend finden wir eine Sammlung von Interviews des Künstlers mit Philosophen, Ethnologen, Musikwissenschaftlern, Psychiatern und Heilern, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des Themas auseinandersetzen.

Die Ausstellung macht deutlich, wie nah Erschaffung und Zerstörung beieinander liegen. Sie ist moralisch, archaisch sowie gegenwärtig. Kader Attia ist überzeugt, in dieser Welt, in der man für seine Freiheit zahlen muss, bleibt uns die Freiheit der Kunst als einzige Waffe.

Kader_Attia_Sacrifice_and_Harmony_MMK_Frankfurt_1

Anschrift

MMK 1
Domstraße 10
60311 Frankfurt am Main

Information

T +49 69 212 30447
F +49 69 212 37882

www.mmk-frankfurt.de
www.facebook.com/mmkfrankfurt

Öffnungszeiten

Mo geschlossen
Di-So 10-18 Uhr
Mi 10-20 Uhr

Eintritt

12 Euro, ermäßigt 6 Euro

Kinder unter 6 Jahren frei
jeden letzten Samstag im Monat freier Eintritt

Fotos:
www.mmk-frankfurt.de

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