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Oliver Rath: Gedanken zur Fotografie

Fotografie boomt. Spätestens mit dem Siegeszug von Digitalfotografie und Smartphone sind alle Hürden und Hemmungen gefallen: Es wird geknipst, was das Zeug hält. Schon 2014 wurden allein auf Facebook 350 Millionen Bilder pro Tag hochgeladen – 2 Jahre später dürfte sich diese Menge noch einmal deutlich erhöht haben. Plattformen wie WhiteWall erlauben es, die eigenen Bilder auf edle Trägermaterialien wie Alu Dibond zu pressen, und FotoApps gibt es wie Sand am Meer. Doch abseits von Selfies und Tierbildern schaffen es nur die wenigsten Fotografen, bleibende Werke zu schaffen und im Gedächtnis der Menschen zu bleiben. Zu diesen zählt sicherlich Oliver Rath.
Helmut Newton verstarb am 23. Januar 2004, Irving Penn am 7. Oktober 2009 und Oliver Rath, der Berliner Starfotograf, am 18. August 2016. Wenn bekannte Fotografen sterben, wird ihr Leben genauso wie bei anderen berühmten Persönlichkeiten noch einmal medial aufgerollt. In vielen Fällen erhalten ihre Bilder post mortem eine ganz andere Bedeutung.

Die erste Fotografie der Welt ist 190 Jahre alt und nennt sich Blick aus dem Arbeitszimmer. Das Foto, das 1826 von Nicéphore Nièpce mithilfe einer Camera oscura geschossen wurde, hätte jedwede Szenerie zeigen können, der Titel weist jedoch genau auf das hin, was eigentlich auf alle fotografischen Motive zutrifft: Ein Foto ist insofern immer ein Blick aus dem Arbeitszimmer eines Fotografen, als dass sich letzteres überall dort befindet, wo eine Kamera ist, der Fotograf hinter die Linse blicken und sein Motiv einfangen kann. Wenn die wahren Könner ihres Metiers, Personen wie Helmuth Newton oder Oliver Rath, nun sterben, sind es nicht nur die Fotos, die als Erinnerung bleiben. Vielmehr ist es die Selbstoffenbarung eines Künstlers, die oft erst nach seinem Tod die komplette Reichweite erfährt.

Helmuth Newton, Irving Penn und Oliver Rath sind Beispiele für bekannte Fotografen, die vor allem Personen in Szene gesetzt haben. Der als Meisterfotograf betitelte Penn hatte sogar Persönlichkeiten vor der Linse, von denen ein Großteil ihrer Bewunderer erst nach deren Tod geboren wurden: Marlene Dietrich, Pablo Picasso, Alfred Hitchcock. Der in Berlin geborene Helmut Newton begeisterte vor allem mit seiner Aktfotografie, ebenso wie der Heidelberger Fotograf Oliver Rath, der erst 2012 seine eigene Galerie eröffnete. Hier können Besucher weiterhin die Fotografien des Künstlers bewundern. Nur Oliver Rath selbst wird nie wieder anwesend sein. Die Menschen hingegen werden nun mit einem anderen Blickwinkel seine Bilder betrachten. Sie werden versuchen etwas hineinzuinterpretieren, was vielleicht niemals da war und niemals da sein wird. Die Ambition, sich vor die Bilder zu stellen und über das wahre Motiv nachzugrübeln, steigt vielleicht sogar. Schließlich gibt es niemanden mehr, den man fragen könnte, warum die Frau auf dem Foto blonde und nicht braune Haare hat, warum sie nichts trägt, warum keiner dem kleinen Jungen hilft, der schmusend mit seiner Katze eine Pistole an die Schläfe gehalten bekommt.

Wenn Fotografen sterben, erblühen ihre Bilder zu neuem Leben. Betrachtet der Zuschauer diese mit dem Wissen um das Ableben den Fotografen, wird ihm klar, dass er das komplette Werk vor Augen hat, das nie wieder jemand vor seine Linse treten wird und der Blick aus dem Arbeitszimmer vielleicht sogar sein letzter war.

Bildrechte: Flickr Helmut Newton Camila Giraldo CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

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