Fotografie – Eine Einführung

Erste fotografische Aufnahmen

Schon um das Jahr 1000 n.Chr. beschrieben Forscher das Prinzip der Camera Obscura, die ähnlich funktionierte wie das menschliche Auge und bisweilen zur Unterhaltung oder als Hilfsgerät für Zeichner diente. Durch ein Loch fielen schmale Lichtbündel von auffallendem Licht in eine dunkle Kammer, sodass jeder Objektpunkt auf der Rückwand einem kleinem Lichtscheibchen entsprach. Durch die Kreuzung der Lichtbündel im Loch entstand so ein seitenverkehrtes, kopfstehendes Bild, welches jedoch nicht fixierbar war.

Das erste Foto gelang 1826 Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) mit einer Camera Obscura im Héliografie-Verfahren, was übersetzt Sonnenlicht bedeutet. Durch eine achtstündige Belichtung auf einer lichtempfindlichen Asphaltschicht erzeugte er „La cour du domaine du Gras“, welches den Blick aus dem Arbeitszimmer seines Landhauses im französischen Saint-Loup-de-Varennes zeigt.
Ein anderes Verfahren erfand Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) 1842 mit der sogenannten Daguerreotypie („Spiegelbilder des Lebens“), bei der eine mit silberjodidbeschichtete Silberplatte unter Quecksilberdämpfen entwickelt wurde und sich an den belichteten Stellen weißes Amalgam sichtbar machte. Ergebnis des Verfahrens war ein seitenverkehrtes, positives Bild.
Erstmals mehrere Abzüge erlaubte 1846 ein Negativ-Positiv-Verfahren namens Talbotypie, benannt nach dem Erfinder William Henry Fox Talbot (1800-1877). Durch Kontaktkopie übertrug er das Salzpapier-Negativ auf ein Positiv und präsentierte relativ unscharfe, wenig detailgenaue Bilder, die jedoch leicht mit Farben überarbeitet werden konnten. Der Baustein für die Fotografie (griechisch für Lichtschrift) war geschaffen.

 

Fotografie als Kunst

Durch Fotografie als neues Ausdrucks- und Bilderzeugungsmittel musste die Malerei ihren Aufgaben im Lauf der Zeit teilweise weichen. Dadurch dass die Fotografie jedoch im hohem Maß von Apparaten abhängig ist, unterschied sie sich nicht nur von den traditionellen Mitteln der Bilderzeugung, sondern galt vorerst in vieler Munde als mechanisch und seelenlos.

Der Kunstgedanke kam erst allmählich, als die Leute verstanden, dass der Apparat das sieht, was der Mensch sieht und dazu genutzt wird, um genau das bildlich festzuhalten. Es entwickelten sich verschiedene Stilrichtungen, um Kunst fotografisch herzustellen.

Um 1900 bewegte sich der Piktorialismus in internationalen Terrains. Mit Orientierung an gängigen Kunstvorstellungen aus der Geschichte der Malerei wurden bewusst unscharfe Aufnahmen mit Hilfe eines Edeldruckverfahrens auf strukturiertes Zeichenpapier übertragen, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Ein beliebtes Werk aus dieser Zeit ist das Foto „Miss Mary“, welches 1905 durch Heinrich Kühn entstand.

Vor dem Ersten Weltkrieg entstand die Stilrichtung „Straight Photography“, die für eine reine, unverfälschte Fotografie kämpfte. Die neue, sachliche Haltung gegenüber dem Motiv äußerte sich in Schärfe, Licht und einem natürlichen Tonwert in den Aufnahmen und kennzeichnete sich durch eine nüchterne, objektive Bildsprache, die die eigene Ästhetik der Fotografie betonen sollte. Dinge wurden einfach und schön dargestellt – auf einer beinahe wissenschaftlichen Ebene, die perfekt ausgearbeitete Auszüge versprach. Als Beispiel gilt ein Reportagenfoto mit hoher künstlerischer Qualität von Sebastião Salgado, der 1985 eine erblindete Frau auf der Flucht vor dem Hunger im Sahel angelangt ablichtete.

„Neues Sehen“ bezeichnet eine Stilrichtung aus den 1920ern, der auf dem Wunsch basierte gesellschaftliche Fortschritte dynamisch festzuhalten und festgefahrenes aufzulockern. Der Betrachter sah bekannte Motive in unbekannter Darstellungsweise als Widerspruch auf gewohnte Sichtweisen und Bildauffassungen. Revolutionär brach das Neue Sehen bisherige Tabus in Form von extremen Perspektiven, Kontrasten, besonderen Detailansichten und dem Einsatz unkonventioneller Lichttechniken. Ein Beispiel hierfür ist Alexander Rodtschenko’s „Mädchen mit Leica“ aus dem Jahr 1927, das sich durch eine strenge Diagonalkomposition, eine verzogene Perspektive und eine ziemlich grafische Auffassung von Licht und Schatten kennzeichnet.

 

Fotografischer Gestaltungsprozess

Es gibt drei Phasen des fotografischen Gestaltungsprozess, in denen unterschiedliche Entscheidungen getroffen werden.

Phase eins trifft alle Vorbereitungen, die das Motiv betreffen und ist entscheidend für die Entwicklung des „fotografischen Blicks“. Sie ist dazu da, Möglichkeiten zu erkennen, wie man Dinge bildlich darstellen könnte. Objekte werden arrangiert, Geschehen werden inszeniert, Lichtverhältnisse werden abgestimmt und der Standpunkt wird gewählt.
Phase zwei ist das Fotografieren selbst und beinhaltet technische Entscheidungen. Kamera, Filmformat und Objektive werden ausgewählt, Blende und Belichtungszeit werden kalkuliert und eingestellt und eine Entscheidung zwischen naturvorbildlicher Farbdarstellung und schwarz-weißer Abstraktion wird getroffen.
In Phase drei werden die Ergebnisse der vorhergehenden Phasen ausgewertet. Der Film wird entwickelt, das Papierformat wird geklärt, Ausschnitte werden ausgewählt und Entscheidungen zu Komposition und Gradation beim Vergrößern werden gefällt. Der Abzug wird schließlich präsentiert.

Ausleuchtung

Plastizität wird durch Licht und Schatten erzeugt. Schatten ist modellierbar. Die Ausleuchtung einer Aufnahme richtet sich nach unseren Sehgewohnheiten. Als Naturlichtquelle gilt die Sonne. Von oben wirft sie harte Schatten, durch Wolken werden diese weicher. Weiches, gleichmäßiges Licht wird jedoch manchmal als langweilig und trist empfunden, weshalb Fotografen teilweise auf die künstliche Ausleuchtung im Studio ausweichen. Lichtquellen und Reflektoren werden dort sorgfältig ausgewählt und positioniert. Im Allgemeinen steigern weiße Flächen den Reflektionswert, wohingegen schwarze Flächen das Licht schlucken. Um eine schatten- und reflexfreie Ausleuchtung zu erreichen, muss das Licht in einem Winkel von 45° zur Vorlage eingerichtet werden und die Bildebene muss parallel zur Objektebene liegen, damit keine perspektivischen Verzeichnungen entstehen.
Lichtstrahlen, die in alle Richtungen gehen und mehrfach gebrochen werden bezeichnet man als difuses Licht.

Gestaltungsmittel und Wirkung

Bildgliederung erzeugt Spannung, Gleichgewicht oder nimmt Spannung aus einem Bild. Durch Kompositionslinien wird Dynamik und Aktivität, Ruhe, Bedrohung, Passivität oder auch Unbeteiligtheit vermittelt. Perspektive spielt mit der Wirkung von Unterlegenheit, Gleichberechtigung, Überlegenheit, Herrschaft oder Macht – durch simple Psychologie und Auffassung von Untersicht, Augenhöhe und Aufsicht. Farbe bringt den nötigen Kontrast ins Bild. Sie kann lebhaft wirken, warm, kalt, leicht, schwer, expressiv oder aggressiv. Ob ein Bild hart, realistisch, romantisch oder idealistisch wirkt entscheidet die Lichtrichtung, bei der man zwischen Rückenlicht, Seitenlicht und Gegenlicht unterscheidet. Konturen können ein Foto scharf oder verwischt aussehen lassen. Das Verhältnis zwischen Figur und Hintergrund hat ebenfalls großen Einfluss auf die Gesamtwirkung einer Fotografie.

Mittels der Einstellungsgröße strahlt ein Bild beispielsweise Intimität, Nähe, Betroffenheit oder Distanz, Fremdheit oder Gleichgültigkeit aus. Man unterscheidet zwischen folgenden Einstellungsgrößen:

Die Totale verschafft einen Überblick des Ganzen. Diese Einstellung gibt zu allererst die räumliche Orientierung, die nötig ist, wenn sich die Handlung in eine Reihe von näheren oder ferneren Einstellungen auflöst. Um die Person herum gibt es viel Raum.
Die Halbtotale stellt eine Distanz zum Geschehen her. Menschen oder Gegenstände werden in einer sehr charakteristischen Umgebung gezeigt und lassen ihre Gestik in den Vordergrund treten.
Die Einstellung Halbnah gibt einen wesentlich mehr räumlich orientierten und im Raum orientierenden Eindruck und zeigt den Menschen etwa von den Knien aufwärts. Stärker als das Gespräch an sich, steht hier die Gesprächsituation im Vordergrund.
Die Amerikanische zeigt die Person bis unterhalb der Hüften. Ohne dass von der Aktion abgelenkt wird, kann hierbei das Verhältnis zu Gegner und Umraum dargestellt werden.
Nah zeigt etwa Kopf bis Brust. Der Kopf beherrscht das Bild und kann durch Kleidung, Schmuck etc. charakterisiert werden, doch der Hintergrund ist erkennbar.
Groß zeigt einen Menschen von den Schultern aufwärts. Diese Einstellung wird häufig in Gesprächssituationen verwendet, da sie einen optimalen Fokus auf die Mimik setzen kann.
Detail zeigt einen kleinen Ausschnitt sehr nah am Objekt.

Zeitbelichtung – Momentbild

Bei der Zeitbelichtung geht es um ein genaues Beobachten und ein planerisches Vorgehen beim Fotografieren. Modell-Fotografen wenden dieses Verfahren an und treffen inszenierende Maßnahmen, um fotografische Mittel zu betonen. Eine ästhetische Dichte wird geschaffen, die versuchen kann den Betrachter von einer bestimmten Position zu überzeugen.
Beim Momentbild erhofft sich der Fotograf Zuwachs der Authentizität. Zeitlich und räumlich enge Ausschnitte werden vom Betrachter weitergedacht und lassen Intuition und Logik zusammenspielen. Das Medium agiert hierbei als Transportmittel und verzichtet auf jegliche Verschleierung. Die Gestaltung tritt zurück, denn das Motiv spielt die ausschlaggebende Rolle.

PRÄGENDE FOTOGRAFEN

Richard Avedon (1923-2004)
Richard Avedon war ein umstrittener Fotograf der 50er Jahre. In seiner radikalen, heftigen Portraitfotografie nahm er die Rolle des Schöpfers ein, nicht des Beobachters und konfrontierte sich darin mit seinen eigenen Ängsten. Geprägt durch den Perfektionswahnsinn anderer, zeigte der kommerzielle Fotograf und Künstler in seinen Bildern sowohl schöne, als auch schreckliche Seiten und arbeitete zeitweise als Modefotograf in Paris. Die Gesichter der Mädchen die er ablichtete, erinnerten ihn meist an das Gesicht seiner Schwester, was ihn emotional in seine Arbeit involvierte. Selbstkritisch und unzufrieden, gab er seinen beständigen Fotos viel Bewegung und versuchte gleichzeitig, die Überraschung vorweg zu nehmen. Sein echtes, tiefes Interesse am Menschen erzählte die Mode als Geschichte. Auf der Suche nach Vielfalt, Gegensatz und Einheit, versuchte er in seinen Portraits alles zu zeigen, was ein Gesicht zeigen kann. Auch Fragmente seines eigenen Gesichts tauchen in seinen Fotos auf. Später fing er an Schauspieler und deren Emotionen einzufangen und echte Gefühle mittels eines weißen Hintergrunds verschärft darzustellen. Seine Werke sollten verunsichern – er betrachtete Fotografie als Erfindung und war überzeugt von ihrem Eigenleben. Nach ersten frühen Portraits seiner Schwester, sämtlichen Mode-und Einzelportraits, einer Serie im „Amerikanischen Westen“ und Fotos in Heilanstalten, fotografierte er schließlich seinen sterbenden Vater.

 

August Sander (1876-1964)
August Sander hat sich darauf spezialisiert, einen Querschnitt der Gesellschaft in seinen Fotos zu zeigen. Keine Individuen, sondern Archetypen, Urbilder, typische Repräsentative hat er authentisch in Szene gesetzt. Die Gestaltungsmittel auf das Wesentliche reduziert, verleihte seinen Fotos eine gewisse Balance und gab ihnen eine neutrale Basis. Eine Mischform aus inszenierender und objektivierender Fotografie, in der das meist frontal abgelichtete Modell im Prinzip selbst Regie führt. Mimik und Gestik, vorallem Hände hat Sander oft in den Fokus gerückt – Lächeln war verboten, denn er war der Meinung, dass ein Lächeln den Menschen nicht so zeigt, wie er wirklich ist. Ein Versuch, die Menschen seiner Zeit in einem künstlich sachlichem Gesamtbild festzuhalten – diese „exakte Fotografie“ orientiert sich komplett am Motiv. Den Stil dem Status der fotografierten Person angepasst, posierte der höhere Berufsstand beispielsweise vor weißem Hintergrund, der die Leute für sich selbst sprechen lässt. Arbeiter oder Repräsentanten eines niedrigeren Gesellschaftsstands wurden durch einen Hintergrund ergänzt, der für sie spricht, ihnen einen festen Platz gibt und sie konkret einordnet. Bekannte Serien des Fotografen sind „Bauern im Westernwald“, „Panorama der Gesellschaft“, „Antlitz der Zeit“ und sein Gesamtkunstwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, welches mehr als 500 Aufnahmen umfasst.

 

Diane Arbus (1923-1971)
Die gelernte Modefotografin Diane Arbus kehrte der „kosmetischen Ästhetik“ komplett den Rücken zu. Im Gegensatz zu August Sander zeigen ihre Fotos keine Repräsentanten, sondern ganz im Gegenteil Untypische und Randgruppen. Ihr Konzept führte sie in der Gosse und auf der Straße aus. Mit einer leichten Aufsicht fotografierte Arbus Figuren, die ihre Rolle nicht ausführten und ließ aufgrund ihrer Konzentration auf unglückliche Opfer, teilweise unsentimental angesehene Bilder entstehen. Sie achtete jedoch darauf, mittels einer distanzierten Betrachtungsweise mit ihren Aufnahmen kein Mitleid zu erregen. Eine möglicherweise kritische Einstellung zur Öffentlichkeit motivierte sie dazu, Fotos von einer anderen Welt zu zeigen und so sind die Akteure häufig Personen, von denen man nicht erwarten würde, dass sie fotografiert werden. Statt dem Glanz steht hier ganz die Kehrseite im Fokus. Die Modelle ihrer Bilder verführte sie zu bestimmten Posen – sie wartete auf den Moment, in dem sich alles soweit zuspitzte, dass sich das Modell selbst verriet. Die Fotos zeigen selten einen Anlass für eine bestimmte Haltung oder Mimik – die Personen wirken oft deplatziert und geben dem Betrachter sehr wenig Kontext zur Situation. Diane Arbus zeigte Verdrängte und führte sie vor: Sie zerrte sie an die Oberfläche und ohne dass man eine Krise der Person deutlich sehen kann, kann man sie spüren. Der Betrachter wird im Bild allein gelassen.

 

Fotos:
Titelbild: www.wikimedia.org Rössing, Roger & Rössing, Renate
www.wikipedia.org
www.images.zeno.org
www.wikipedia.org
www.artshound.com
www.spiegel.de
www.altertuemliches.at
www.maryckhayes.files.wordpress.com
www.koeln-art.de
www.enticingthelight.com
www.bersarin.files.wordpress.com
www.nationalgalleries.org
www.tumblr.com
www.robertacucchiaro.files.wordpress.com
www.erickimphotography.com
www.stiehlover.com

 

Hat euch dieser Artikel gefallen?
Schreibt uns doch mal eure Meinung als Kommentar – und wenn ihr grade dabei seid, folgt uns auch gleich auf Facebook, Twitter, Instagram, google+ und tumblr!