Prokrastination – Wenn Faulheit zur Krankheit wird

„Morgen morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“

Wer kennt es nicht, das Sprichwort, dass schon aus dem Munde von Oma zu hören war, als ich noch klein war und mein Zimmer nicht aufräumen wollte bzw. es ganz bestimmt am nächsten Tag machen wollte?

Nun, seitdem ist einiges an Zeit ins Land gegangen und wir haben für viele Dinge des Alltags Anglizismen oder Fremdwörter eingeführt, weil sie uns gebildeter oder wortgewandter ausschauen lassen. Für das Aufschieben von Aufgaben bzw. für all die Dinge, die uns nur dann einfallen, wenn wir nicht das tun wollen, was wir sollten, gibt es einen Begriff: Prokrastination.

Prokrastination ist mehr als nur Faulheit

Prokrastination oder auch die Kunst des Aufschiebens ist auch so ein Mode-Wort, dass in jüngerer Vergangenheit in vieler Munde war.  Inzwischen wird es aber auch von ebenso vielen auch als Quasi-Ausrede oder Rechtfertigung genutzt, um mangelndes Selbstmanagement zu rechtfertigen. Nicht nur das, wenn man die Begrifflichkeit mal in die Suchmaschine haut, wird man schnell feststellen, dass sich zahllose Blogs inzwischen mit der Perfektionierung von Prokrastination beschäftigen. Also tatsächlich die Kunst des Aufschiebens zu einem erstrebenswerten Zustand erheben und in ihren Ausführungen beschreiben, wie man besonders gut Zeit totschlägt. Die Blog-Titel gehen von „50 Tipps, wie ich am besten prokrastiniere“ bis hin zu „Prokrastinieren für Fortgeschrittene, so wirst du zur Meisterin.

Oder es gibt Webseiten, deren einziger Inhalt darauf zielt, einem Facebook- und andere Webseiten anzuzeigen, mit denen du während deiner eigentlichen Arbeit (oder Studiums) am Besten die Zeit totschlägst. Man muss sich das eigentlich mal auf der Zunge zergehen lassen. Natürlich steckt da auch eine ganze Menge Ironie drin, aber einige haben das dauerhafte Aufschieben von Aufgaben so zur Perfektion getrieben und sind in gewisser Weise Profis darin geworden, daß sie inzwischen mit dem Schreiben darüber Geld verdienen.

Ich persönlich ziehe einen ernsthafteren Ansatz vor. Ich glaube wirklich, daß es niemanden gibt, der nicht dankbar wäre, gäbe es einen patentierten Weg, seine Aufgaben zielstrebiger zu erfüllen und somit seine Ziele schneller zu erreichen. Jeder Chef wäre zufriedener, die Karriere würde sich besser/schneller entwickeln, das eigene Business würde vornankommen oder der Abschluss des Studiums wäre auf einmal in greifbarere Nähe gerückt. Am Ende erliegen die allermeisten dann doch einer Art von Zynismus dem eigenen Ich gegenüber. Gespeist durch eine Art von Gruppendynamik, denn schließlich kennt doch jeder in der Abteilung bereits das neueste Katzenvideo. Ein schlechtes Gewissen ist so zumindest nicht zwingend programmiert.

Bevor mich nun jemand falsch versteht: Es möchte mit Sicherheit niemand, daß nun von heute auf morgen alle Arbeitnehmer oder Studenten dieser Welt zu widerlichen Strebern mutieren, die nur noch zielgerichtet ihr Dasein als Arbeitsdrohnen ohne jegliche Muße fristen. Schließlich ist sie doch schon seit der Antike der Ursprung jeglicher Kreativität und schöpferischer Kraft. Es geht um den Denkansatz dahinter. Was macht mich denn persönlich langfristig glücklicher ? Das Auf- bzw. Verschieben oder das Bewältigen einer Aufgabe?  Sich einer an mich gestellten Anforderungen zu stellen oder das Weggucken davor?

Allein der augenzwinkernde Umgang mit dem, was viele für sich als reales Problem erkannt haben, scheint mir daher auch vermessen. Ironie allein hilft in dem Fall nämlich nicht weiter. Im Gegenteil, sie verschärft das Problem nur, weil sie einem das Gefühl gibt, es wäre schon alles ganz in Ordnung so.

Man sollte schließlich berücksichtigen, dass die Verhaltensforschung inzwischen unisono der Meinung ist, dass dauerhaftes Prokrastinieren tatsächlich einen pathologischen Ursprung hat. Faul heißt dann nämlich auch wirklich krank. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Universität Münster seit 2012 eine Prokrastinationsambulanz für betroffene Studenten eingerichtet hat, die immerhin jährlich von ca. 500 Studenten mit entsprechenden Symptomen aufgesucht wird.

Prokrastination

So oder so Ähnlich spielt sich das Drama in 4 Akten bei vielen ab

 

Ich bin ja der Meinung, daß es Betroffenen wenig hilft, wenn man anfängt, darüber zu spekulieren, ob die Grundlagen für erfolgreiche Prokrastination schon im Kindesalter gelegt wurden und ob sogar falsche Erziehungsmethoden der Gesamtproblematik zugrunde liegen. Weil sie den Fokus weg vom Jetzt-Problem auf einen Missstand in der Vergangenheit projizieren, was den Grad der Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe noch verschärft.

Wenn man erst mal inmitten des Schlamassels steckt, möchte man keine Analyse, keine Erklärung, warum etwas so ist wie es ist. Man möchte eine konkrete Handlungsanweisung. Und da halte ich es mit einem Zitat des bekannten Autors Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Diesen Satz habe ich (wie auch schon das Eingangszitat) häufiger von meiner Oma zu hören bekommen. Er ist aus der 1950 veröffentlichten Sammlung „Kurz und Bündig“ Kästners unter der Überschrift Moral und betont die Notwendigkeit des Handels, wenn man etwas Gutes erreichen will.

Damit ist doch eigentlich schon alles gesagt. Fang an und du wirst nicht scheitern. 

Prokrastination

Anfangen ist des Rätsels Lösung

 

Na klar, derjenige, der schon bis zum Hals in seiner Aufschieberitis steckt, wird sich auch hier vor lautem sarkastischen Lachen den Bauch kaum halten können. Weil genau der Anfang ja sein Problem ist. Gut, dann nehmen wir uns eben an die Hand gehen die ersten Schritte gemeinsam.

Skizziere deine Aufgabe und strukturiere sie. Danach fängst du an zu priorisieren. Für den wichtigsten Teil deiner dir bevorstehenden Aufgabe nimmst du dir eine Stunde Zeit. Wir wollen uns am Anfang ja nicht überfordern. Sorge dafür, dass dein Schreibtisch aufgeräumt ist und dein Mobiltelefon möglichst nicht in deiner unmittelbaren Nähe ist. Wir möchten ja deinem Defizit keine unnötige Angriffsfläche geben.

Erreiche den Flow-Effekt

Vermeide in dieser ersten Stunde jede Form der Ablenkung. Wenn du anfängst, dich in die Thematik und den anstehenden Arbeitsprozess zu vertiefen, entsteht der sogenannte Flow-Effekt. In dieser Phase vergisst du die Zeit und bist erwiesener Maßen am produktivsten.

Du musst wissen, dass nach jeder Unterbrechung ein erneutes Erreichen dieses Flow-Momentes eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Schätzungen zufolge kosten uns solche unnötigen Unterbrechungen ca. 1/4 unserer Arbeitszeit.

Du wirst schnell feststellen, dass dort, wo eben noch eine unüberwindbare Hürde in Form deiner Aufgabe stand, deren Größe nicht zu ermessen war, sich ein Hindernis aufbaut, dessen Größe und Umfang du zumindest grob umreissen kannst. Dies ist der erste Erfolg.

Und damit haben wir schon die wichtigste Erkenntnis gewonnen. Kein Berg ist so hoch, dass er nicht erklommen werden kann, wenn wir ihn uns in Teilabschnitte aufteilen.

Strukturieren – Einteilen – Priorisieren – Anfangen

Als erstes strukturierst du deine Aufgabe, dann teilst du sie in mehrere Abschnitte ein. Dann priorisierst du und setzt dir erst einmal 1-Stunden-Ziele. Diese sind anfangs realistisch und auch für einen Profi unter den Prokrastinierern machbar. Mit dem Erreichen dieser Teilabschnitte erreichst du kleine Ziele, für die du dich belohnen solltest. Kauf dir ein Eis, geh einen Café trinken, verbringe einen Abend mit Freunden. Auf neudeutsch würde man jetzt wohl eher sagen: Gönn´Dir !

Das ist wichtig, weil sich bei dir das Belohnung-nach-Leistung Prinzip einstellt. Du darfst alles ohne schlechtes Gewissen tun, wenn du vorher deine kleinen Steps gegangen bist.

Je umfangreicher das Projekt oder die Aufgabe, desto schwieriger ist es natürlich, die Motivation hochzuhalten. Sinkt diese, ist das Zurückfallen in alte Muster nicht fern. Warum sich nicht belohnen, ohne vorher Leistung gebracht zu haben? Das geht so schnell, so schnell kannst du das Wort Prokrastination nicht mal buchstabieren. Gerade für diesen Schritt  gibt es ein wahnsinnig gutes Tool, welches bei bei uns großen Anklang gefunden hat. Es heisst: Den Tag meistern – Die 6 Punkte Liste

Definiere dir Ziele, warum du diese Aufgabe unbedingt erfüllen willst. Sicherlich, wenn du gerade eine Hausarbeit in deinem Bachelor-Studium machst, ist es leichter, dir das große Ziel vor Augen zu halten, als wenn du gerade für einen vermeintlich aussichtslosen Pitch eine umfangreiche Kundenpräsentation anfertigen musst.  Beim Definieren deiner persönlichen Ziele darfst du ehrgeizig sein und auch egoistisch. Aber bleibe realistisch.  Ich will dieses Studium beenden. Besser als Andere wäre z.B. ein Ansatz. Ein zufriedener Kunde darf in diesem Fall nicht das Ziel sein. Wenn du etwas länger im Job bist, wirst du feststellen, dass es Kunden gibt, die nicht zufriedenzustellen sind. Dein Anspruch und dein Ziel muss dann auf einer Metaebene definiert sein.Die Präsentation ist daher eben nur ein Meilenstein auf deinem weiteren Karriereweg und die Weltherrschaft grüßt schon von weitem 😉

Der Unterschied zwischen Selbstkontrolle und Selbstregulation

Wir haben jetzt den Grundstock gelegt, das erste Problem aus der Welt geschafft, jetzt können wir uns ein Stück weit der Analyse widmen. Warum zur Hölle ticken wir eigentlich so? Versuchen wir doch einmal, uns diese Problematik als Ganzes auf theoretischer Ebene zu veranschaulichen.

Bekommen wir eine Aufgabe gestellt, besteht unsere Welt im Groben aus vier Säulen. Zum einen Empfinden wir sofort so etwas wie Motivation, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Dann sind da Gedanken, die sich nicht zwingend um die gestellte Aufgabe drehen. Als vorprogrammierte Gegenreaktion (Freund, Freundin, Sport, Abendessen, etc.) sozusagen. Dann gibt es die Säule der Wünsche und die der Ängste, die gleichermaßen mit dem Erfolg oder dem Scheitern der jeweiligen Herausforderung verbunden sind.

Und dann gibt es unseren (freien) Willen, der sozusagen als Klammer um diese 4 Säulen fungiert. Schafft unser Wille es,  diese 4 gedanklichen Ebenen im Gleichgewicht zu halten, sprechen wir von Selbstkontrolle. Gewinnen einzelne Teile (meist die der Gedanken und der Ängste) die Überhand, ist von Selbstregulation die Rede. Man gibt es aus der Hand. Der Wille bleibt also die Entscheidungsgewalt über Erfolg und Misserfolg.  Zum einen bürdet es einem selbst die absolute Verantwortung auf. Zum anderen gibt es einem Gewissheit darüber, dass wir schlußendlich alles selbst in der Hand haben.

Ach, und an jene, die der Theorie anhängen, dass der Faulheit etwas positives anhaftet, sozusagen Teil des kreativen, schöpferischen Prozesses ist, lasst euch gesagt sein, dass ihr nicht im Geringsten verstanden habt, was es heißt, darunter zu leiden. Weil insgeheim, so schön man es sich auch hinbiegen mag, leidet jeder darunter, der nicht das schafft, was er eigentlich im Stande wäre zu leisten.

Wenn ihr euch noch einen (sehr veranschaulichenden, aber doch etwas komplizierteren Ansatz zur Thematik) Videopodcast anschauen wollt, der die vier Phasen des kreativen Prozesses nach Graham Wallas näher erläutert, solltet ihr die 3,5 Minuten auch noch investieren.

 

Bei Fragen und Anregungen zum Thema schreibt uns doch einfach an redaktion@feinripp.net

 

 

 

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